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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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2GS Die Natur- und Culturbedingungen der sittlichen Entwicklung.

sondern sucht derselben von Anfang an gesetzgebend gegenüber zutreten. Sie steht daher in einem geflissentlichen Gegensätze zu derUnvollkommenheit des wirklichen Lebens, dem sie das Vorbild eineridealen sittlichen Welt entgegenhält. Die neuere Ethik endlichtritt wieder in nähere Beziehung zu den realen Grundlagen dessittlichen Lebens. Sie verbindet so im allgemeinen den beschreiben-den Standpunkt der antiken mit dem normativen der christlichenEthik. Zugleich geht sie in vielen ihrer Richtungen darauf aus, dassittliche von dem religiösen Gebiete zu scheiden, trennt sich dabeiaber in eine grosse Zahl einzelner Strömungen, in welchen die realenFactoren wirksam werden, aus denen das sittliche Leben derNeuzeit sich aufbaut.

Gemäss ihrem unmittelbaren Zusammenhänge mit den sitt-lichen Lebensanschauungen setzt die antike Ethik namentlich inihren Anfängen das Sittliche als gegeben voraus: es besteht ihr inden Gütern des wirklichen Lebens, wie sie durch die Bedingungendes persönlichen und staatlichen Daseins geboten werden. Sie istdaher vorherrschend Tugend lehre. Ihre Frage lautet nicht: wasist das Gute? sondern: wie muss der Mensch handeln, um gut undglücklich zu sein? Aber bald taucht schon in ihr der Gedanke auf,dass das höchste Gut und das vollkommenste Glück im wirklichenLehen unerreichbar seien. Diese Auffassung wird dann zur herr-schenden in der christlichen Ethik. Ihr liegt der Zweck des mensch-lichen Strebens in einer jenseitigen Welt. Sittlich ist was die Güterdieses Jenseits erreichen hilft, unsittlich alles was das Streben nachihnen beeinträchtigt, unsittlich daher jedes Trachten nach irdischenGlücksgütern. Was muss der Mensch thun, um die ewige Seligkeitzu erringen? Das ist die Frage, hinter der nunmehr alle andernzurücktreten. Die christliche ist darum ganz und gar religiöse Ethik,und in erster Linie ist sie sittlich-religiöse Pflichtenlehre. Dieneuere Ethik endlich nimmt, hierin an die antike anknüpfend, in ihrenvorherrschenden Richtungen wieder ihren Standpunkt inmitten deswirklichen Lebens. Sie sucht der sittlichen Weltbetrachtung ihreSelbständigkeit zu sichern, indem sie entweder Sittlichkeit und Re-ligion als völlig getrennte Gebiete behandelt, oder das von derchristlichen Moral festgehaltene Verhältniss umkehrend nicht dieSittlichkeit auf religiöse Pflichten, sondern die Religion aufideale sittliche Forderungen gründet. Indem so die moderne Ethikauf die Scheidung der Gebiete den Nachdruck legt, lautet ihreHauptfrage: Was ist sittlich? Erst aus dem Begriff des Sitt-