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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die psychologischen Gesetze der sittlichen Entwicklung.

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schehen irgend welche Grenzen zu ziehen, die nur in unserer gegen-wärtigen Auffassung begründet sind. Die Wirklichkeit ist immerreicher als die Theorie. Darum ist es uns höchstens gestattet, inallgemeinen Umrissen den Weg vorauszuerkennen, den die nächsteZukunft nehmen wird. So enthält dies Gesetz schon einen deutlichenHinweis darauf, dass wir die sittlichen Zwecke überhaupt nicht inden engen Umkreis der uns unmittelbar naheliegenden Wünsche undHoffnungen bannen sollen. Das Einzelne will betrachtet seinsubspecie aeternitatis. Dabei dürfen wir freilich nicht mit dem Philo-sophen, der diesen Ausspruch geschaffen, die Unendlichkeit als einegegebene und darum von uns unmittelbar im Begriff zu erfassende,sondern wir müssen sie als eine werdende betrachten, als eineunendliche Aufgabe, deren Th eile wir erkennen, indem wir sielösen*).

4. Das sittliche Leben und die sittlichen Weltanschauungen.

In den psychologischen Elementen und Gesetzen des sittlichenLebens sind die unmittelbaren Grundlagen für die Untersuchung derMotive, Zwecke und Normen des sittlichen Handelns enthalten. In-dem aber diese Untersuchung vor allem Uber den Grund und Zweckder sittlichen Forderungen Rechenschaft abzulegen hat, tritt die imVölkerbewusstsein verbreitete und dann durch die ethische Wissen-schaft zu Ende geführte Ausbildung sittlicher Weltanschau-ungen den Thatsachen des sittlichen Lebens ergänzend zur Seite.

Gliedern wir die Entwicklung der ethischen Systeme in diedrei grossen Perioden der antiken, der christlichen und derneueren Ethik, so schöpft unter ihnen die erstere am unmittel-barsten aus dem Volksbewusstsein. Erst gegen ihr Ende trennt siesich von der nationalen Sitte, aus der sie hervorgegangen, um eineallgemein humane und zugleich religiöse Richtung einzuschlagen.So bildet sie die Vorbereitung zur christlichen Ethik. Dieseerhebt sich im Unterschiede von jener nicht aus der Volkssitte,

*) Wenn von einigen Kritikern das Princip der Heterogonie der Zweckegelegentlich so verstanden wurde, als solle durch dasselbe behauptet werden,dass den Motiven überhaupt gar keine innere Beziehung zu den aus ihnen ent-springenden Zwecken zukomme, so brauche ich dem aufmerksamen und un-befangenen Leser der obigen Erörterungen wohl nicht erst zu sagen, dass diesein Irrthum ist.