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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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2(56 Die Natur- und Culturbedingungen der sittlichen Entwicklung.

Innerhalb der durch dies Gesetz bestimmten Entwicklung machtaber noch ein zweites wichtiges Gesetz seine Einflüsse geltend,dessen Verkennung, wie man wohl sagen darf, die Hauptschuldträgt an so manchen verfehlten ethischen Theorien. Es ist dies dasGesetz der Heterogonie der Zwecke. Mit diesem Namenwollen wir die allgemeine Erfahrung bezeichnen, dass in dem ge-sammten Umfang freier menschlicher Willenshandlungen dje Bethäti-gungen des Willens immer in der Weise erfolgen, dass die Elfecteder Handlungen mehr oder weniger weit über die ursprünglichenWillensmotive hinausreichen, und dass hierdurch für künftige Hand-lungen neue Motive entstehen, die abermals neue Effecte hervor-bringen.

Der Zusammenhang einer Zweckreihe besteht demnach nichtdarin, dass der zuletzt erreichte Zweck schon in den ursprüng-lichen Motiven der Handlungen, die schliesslich zu ihm geführthaben, als Vorstellung enthalten sein muss, ja nicht einmal darin,dass die zuerst vorhandenen Motive die zuletzt wirksamen selbständighervorbringen, sondern er wird wesentlich dadurch vermittelt, dassder Effect jeder Wahlhandlung in Folge nie fehlender Nebenein-flüsse mit der im Motiv gelegenen Zweckvorstellung im allgemeinensich nicht deckt. Gerade solche ausserhalb des ursprünglichen Motivsgelegene Bestandteile des Effects können aber zu neuen Motivenoder Motivelementen werden, aus denen neue Zwecke oder Verän-derungen des ursprünglichen Zweckes entspringen. Diese durch denEffect der Handlungen bedingten Veränderungen der Motive könnenbald allmählich, bald plötzlich erfolgen, und theils hiervon theils vondem Umfang der Zweckreihe hängt es ab, wie nahe oder wie fernedas erste Motiv und der zuletzt erstrebte Zweck einander liegen.

Das Gesetz der Heterogonie der Zwecke ist es, welches haupt-sächlich über den wachsenden Reichtum sittlicher Lebensanschau-ungen Rechenschaft gibt, in deren Erzeugung sich die sittliche Ent-wicklung betätigt. Auch geht aus ihm hervor, wie falsch mandiese Entwicklung auffasst, wenn man, wie es so oft geschieht, an-nimmt, dass was uns auf einer späteren Stufe als Beweggrund be-stimmter sittlicher Handlungen entgegentritt oder wahrscheinlichdimkt, von Anfang an dieselben erzeugt habe. Nicht hlossauf die hinter uns liegende, sondern auch auf die zukünftige Ent-wicklung des sittlichen Lebens wirft aber dieses Gesetz sein Licht.Indem es jede Stufe als die nothwendige Vorbereitung auf die fol-genden ansehen lehrt, verbietet es zugleich, dem zukünftigen Ge-