Die psychologischen Elemente der Sittlichkeit. 2(35
gedeuteten Wechselwirkungen und des Einflusses nebenhergehenderintellectueller Momente von einander abliegen, beruht auf der Be-tliätigung jener beiden Grundtriebe der menschlichen Natur. DieEntwicklung der letzteren führt aber nicht bloss auf übereinstimmendepsychologische Elemente zurück, sondern sie ist auch bestimmtenpsychologischen Gesetzen unterworfen, die trotz aller Verschieden-heit der Einzelgestaltungen des Lebens, einen nicht minder allge-meingültigen Charakter besitzen.
b. Die psychologischen Gesetze der sittlichen Entwicklung.
Die Entwicklung der sittlichen Anschauungen zerfällt, woimmer sie uns in zureichender Vollständigkeit gegeben ist, in dreiStadien, deren charakteristische Merkmale hauptsächlich durchdas wechselseitige Verhältniss der verschiedenen neben einander her-laufenden Einzelentwicklungen bestimmt werden. Die Anfänge dessittlichen Lebens sind überall von höchst gleichartiger Beschaffen-heit: die socialen Triebe sind hier von beschränkter Natur, durchein rohes Selbstgefühl überwuchert, und in Folge dessen werdenhauptsächlich äussere Vorzüge als Tugenden geschätzt, die demTräger selbst und seinen Genossen nützlich sind. Dieser Zustandfast noch gänzlich schlummernder sittlicher Regungen wird zumeistdurch den Einfluss religiöser Vorstellungen und durch dieWechselwirkungen überwunden, in welche die religiösen Gefühle mitden socialen Trieben treten. Es beginnt damit das zweite Stadium,in dem zugleich, den Unterschieden religiöser und socialer Bedin-gungen entsprechend, eine wachsende Differenzirung der Lebensan-schauungen eintritt, so dass dieses Zeitalter als das der Trennungder sittlichen Begriffe bezeichnet werden kann. Das dritteStadium wird sodann wiederum durch einen Wandel der religiösenAnschauungen eingeleitet, mit dem sich in allmählich wachsendemMasse der Einfluss der Philosophie verbindet. Indem beide demsittlichen Leben jene humane Tendenz verleihen, die überall einergereiften Stufe des sittlichen Bewusstseins entspricht, verwischen sichunter ihrem Einflüsse wieder die Unterschiede nationaler Anschau-ungen. Dieses Gesetz der drei Stadien oder der successivenDifferenzirung und Unificirung der sittlichen Begriffewird gleicher Weise durch den Bedeutungswandel der sprachlichenBezeichnungen wie durch die Geschichte der religiösen und socialenCultur bezeugt.