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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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264 Die Natur- und Culturbedingungen der sittlichen Entwicklung.

dingungen zu unterwerfen, die nicht selbst schon allgemein mensch-licher Art sind, also z. B. solchen, die einer bestimmten, wenn auchnoch so frühen Culturstufe angehören. In so ferner Vorzeit auchFamilie, Staat und äussere Rechtsordnung sich gebildet haben, ihreUrsprünglichkeit ist allzuwenig sichergestellt, als dass wir sie mitder Entstehung der sittlichen Vorstellungen auf gleiche Linie stellenoder gar die letzteren aus ihnen ableiten dürften. Vielmehr müssenwir umgekehrt annehmen, dass alle jene gesellschaftlichen Formen,in denen sich die sittlichen Anschauungen bethätigen, erst aus diesenoder mindestens unter ihrer Mitwirkung entsprungen sind. Was bleibtuns aber dann als specifischer Inhalt des Sittlichen anderes übrigals gewisse psychologische Elemente, die keine speciellen äusserenBedingungen sondern nur die überall gleiche Natur des Menschenselber voraussetzen? In der That sind uns nun solche Elemente ingewissen sittlichen Trieben entgegengetreten, die zwar in sehrverschiedener Weise entwickelt sein können und darum auch sehrvielgestaltig in der Erfahrung sich äussern, die aber doch an sichimmer und überall die nämlichen bleiben. Sie sind es, die jenebeiden grossen Erscheinungsgebiete hervorbringen, welche wir alsdie hauptsächlichsten und zugleich als die niemals fehlenden Aeusse-rungsformen des sittlichen Lebens kennen lernten: die religiösenAnschauungen und das gesellschaftliche Leben, Gebiete, diedann freilich wieder in der mannigfaltigsten Weise sich gestaltenund in die vielseitigsten Wechselwirkungen mit einander tretenkönnen.

Diesen zwei grossen Gruppen allgemeiner Thatsachen ent-sprechen nun zwei psychologische Grundmotive, deren allge-meingültige Natur auf der Constanz beruht, mit der sie im mensch-lichen Bewusstsein wirksam sind: die Ehrfurchts-und Neigungs-gefühle. Beide beziehen sich ursprünglich auf gänzlich verschiedeneObjecte: die Ehrfurchtsgefühle auf übermenschliche Wesen undKräfte, die Neigungsgefühle auf die Mitmenschen. Auf denersteren beruht zunächst das religiöse, auf den letzteren das socialeLeben des Menschen. Beide Grundtriebe treten dann aber in diemannigfaltigsten Verbindungen und gewinnen so einen sich wechsel-seitig verstärkenden Einfluss auf die von ihnen abhängigen Lebens-gestaltungen; insbesondere erwächst jene erweiterte Humanität, welchedie höchsten Blütlien des gesellschaftlichen Lebens hervorbringt, ur-sprünglich auf religiösem Boden. Die ganze Entwicklung der Sitt-lichkeit, so ungeheuer weit die Stufen derselben in Folge der an-