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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die geistige Cultur.

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allen bedenklichen Moralprincipien ist das der sogenannten Selbst-hilfe eines der zweideutigsten. Vortrefflich für den, der den Willenund die Kraft hat sich selbst zu helfen, heilsam für den, dem esnur an der nöthigen Energie des Handelns fehlt, aber werthlos fürjenen, der zu schwach ist um den Kampf zu bestehen, ist es einVerbrechen im Munde desjenigen, der es auf Andere anwendet denener nicht helfen will. Da die Gleichheit der Bildung sich niemalsauf die Gleichheit des Wissens und Könnens beziehen kann, sowird sie auch niemals die Unterschiede der Leistungsfähigkeit derMenschen, der Stellung und des Einflusses, die sie sich durch jeneerringen, beseitigen können. Es sei denn dass es möglich wäre derFiction gewaltsam Geltung zu schaffen, dass alle Anlagen und alleLeistungen einander gleichwerthig seien. Gegen die Gleichheit derAnlagen hat aber die Natur ihr Veto eingelegt, und die gleicheWerthschätzung aller Leistungen kann gegen unsere intellectuellen,ästhetischen und ethischen Urtheile nicht Stand halten. So bleibtdenn nur eine Gleichheit als möglicher und wirklicher Zweck übrig:sie besteht in dem gleichen Recht zur Erwerbung der geistigenGüter, welche die Cultur hervorgebracht hat. Dieses Recht schliesst,wenn es nicht eine leere Form bleiben soll, die Forderung ein, dass,so verschieden die Lebensstellungen der Einzelnen auch sein mögen,Keinem durch den Kampf mit der Noth des Daseins die Theil-nahme an jenem der Menschheit gemeinsamen Besitze versagt sei.Diese Forderung bleibt jedoch ein sittliches Postulat, welches vonder Cultur selbst ebenso sehr bedroht wie unterstützt wird, undwelches daher nicht als ihr Ergebniss, sondern als ihre noth-wendige ethische Ergänzung sich darstellt.

f. Die sittlichen Vortheile und Nachtheile der Cultur.

Hierin ist die Antwort schon angedeutet, welche uns die Be-trachtung der Thatsachen des sittlichen Lebens auf die alte Streit-frage gibt, ob die Cultur die Sittlichkeit fördere oder nicht. Derethische Einfluss der Cultur ist überall ein doppelseitiger. Wiesie der Vertiefung und Verfeinerung der sittlichen Begriffe Vorschubleistet, so eröffnet sie nicht minder der Abweichung vom Guten diemannigfaltigsten Wege. Sie schafft neue Verbrechen, die, wie ver-schiedene Gestalten des Betrugs und der Fälschung, erst durch dieBedingungen der Cultur hervorgerufen werden; und sie gibt denältesten Formen der Rechtsverletzung, dem Raub und dem Mord,