2(j0 Ke Natur- und Culturbedingungen der sittlichen Entwicklung.
neue Waffen in die Hand, die, in dem Masse als sie selbst Er-findungskraft und planmässige Vorausberechnung in Anspruchnehmen, die moralische Schwere des Verbrechens vergrössern. Dazukommt, dass Motive, die auf einer früheren Stufe ihre moralischeWirkung nicht verfehlen, auf einer späteren unwirksamer werden.Indem die verwickelten Verhältnisse der Gesellschaft die Aussichteröffnen, dass der Urheber einer That unerkannt bleibe, büsst dieFurcht vor der Strafe ihre abschreckende Wirkung ein. Von denschlimmsten Folgen wird aber namentlich die Erschütterung derreligiösen Beweggründe des sittlichen Handelns. Für denjenigen,dessen Sittlichkeit bloss in der Furcht vor einer künftigen Wiederver-geltung ihre Quelle hat, fällt jede Veranlassung weg sich vor derSchuld zu bewahren, wenn ihm der Glaube an diese Wiederver-geltung verloren ging. Nun bringt freilich die geistige Cultur neueund unegoistische Triebfedern der Sittlichkeit hervor, die im einzelnenFall jenen Verlust wohl ersetzen können. Aber nicht immer haltenGewinn und Verlust sich die Wage. Ganze Zeitalter leiden, wieder Sittenverfall in der römischen Kaiserzeit eindringlich lehrt, unterder Schwere des Schicksals, dass ihnen die alten Motive der Sitt-lichkeit verloren gegangen sind und sie neue noch nicht gewonnenhaben.
So stehen überall der höheren ethischen Vervollkommnung, zuder die Cultur die Hülfsmittel bietet, die stärkeren Antriebe zurImmoralität und die Hülfe, die sie bereitwillig auch dieser gewährt,gegenüber. Hierdurch kommt es, dass auf einer primitiven Cultur-stufe der moralische Zustand ein gleichförmiger ist. Wie der Natur-mensch schon in seinem physischen Habitus geringe individuelleUnterschiede darbietet, so sind auch auf moralischem Gebiet die Ab-weichungen nach oben und unten von einem mittleren Zustande un-erheblichere. Könnte darum nicht, wenn man nur auf die Gesammt-summe der Güter und Uebel blickt, der grössere Werth des Guten,der auf der Höhe der Cultur erreichbar ist, durch die Steigerungdes Schlechten überwogen werden? Und würde dann nicht jenerursprüngliche Zustand, wo der Mensch zwar das Gute noch nicht inseinen schönsten, aber auch das Schlechte nicht in seinen hässlichstenFormen kennt, an sich vorzuziehen sein? In der That, diese Frageist aufzuwerfen. Aber es ist ebenso gewiss, dass sie niemals zu be-antworten ist, wenigstens in dem Sinne nicht, in dem eine solcheAntwort allein einen ethischen Werth hätte, unter der Voraussetzungnämlich, dass dem Menschen die Wahl zwischen verschiedenen Cultur-