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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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258 Die Natur- und Culturbedingungen der sittlichen Entwicklung.

Ungleichheit der Menschen in den Weg legt. Die Forderung derallgemeinen Menschenliebe behält immer den Charakter eines theore-tischen Postulates, so lange eine tiefe Kluft geistiger Bildung denMenschen vom Menschen trennt. Ein weitgereister Naturforscherhat die Aeusserung gethan, er liebe den Neger, wenn er sich ineiner möglichst grossen räumlichen Distanz von ihm befinde; dochdiese theoretische Liebe verwandle sich in instinctive Abneigung, so-bald er dem schwarzen Menschenkind unmittelbar gegenüberstehe.Es ist aber nicht sowohl der abweichende physische Habitus als dievöllige Verschiedenheit des Denkens und Fühlens, welche die An-näherung erschwert. Sobald die gemeinsame Bildung übereinstimmendeVorstellungen und Interessen erweckt hat, lernen wir allmählichüber jene äusseren Unterschiede hinwegsehen.

Doch die Gleichheit der Bildung schliesst nicht etwa Gleich-heit des Wissens und Könnens in sich. Diese findet nicht bloss ander thatsächlichen Ungleichheit der menschlichen Anlagen ihreSchranken, sondern sie verträgt sich auch schlechterdings nicht mitjener Vielseitigkeit der Bestrebungen, welche ihrerseits eine noth-wendige Folge der Entwicklung der Cultur und der Bildung ist.Vielmehr beschränkt sich die Forderung der Gleichheit naturgemässauf diejenigen Lebensgebiete, die wirklich Allen gemeinsam sind,auf die allgemein menschlichen Interessen also, die theils aus derZugehörigkeit zur nämlichen bürgerlichen Gesellschaft theils aber, überdiese hinausreichend, aus den übereinstimmenden sittlichen undästhetischen Anschauungen und Gefühlen entspringen. Unsere modernenBildungsbestrebungen wandeln darin nicht selten auf Irrwegen, dasssie diese Gemeinschaft der Bildung, die allein erstrebenswerth undbeglückend ist, mit einer Uebereinstimmung des Wissens und Könnensverwechseln, die, wenn überhaupt erreichbar, für die ungeheureMehrzahl der Menschen ein Unglück oder mindestens eine über-flüssige Last wäre. Hand in Hand mit jenen falschen Bildungsbe-strebungen geht aber das falsche Streben nach Gleichheit, welchesnicht in den von Beruf, Lebensstellung und äusseren Glücksgüternunabhängigen sittlichen Eigenschaften, sondern umgekehrt gerade indiesen äusseren Dingen die Gleichheit herzustellen sucht. Auch diesesStreben freilich ist nicht ganz ohne ein sittliches Motiv. Insoweites aus der Ansicht entspringt, dass eine gewisse Sicherheit deräusseren Lebensführung erforderlich sei, wenn jene Gleichheit dersittlichen Bildung wirklich ermöglicht werden solle, hat es in derBeschränkung auf diese Forderung seine volle Berechtigung. Unter