- 25 li Die Natur- und Culturbedingungen der sittlichen Entwicklung.
schützt werden. Die Erde ist gross genug, um alle Nothständeausgleichen zu können, die sie im einzelnen vermöge der Naturbe-dingungen unter denen sie steht hervorbringt; aber erst der Verkehr lässtdiese Eigenschaft allmählich zur Wirkung kommen. Das zweite, inseinen weiteren Folgen vielleicht noch wichtigere Resultat ist derungleich grössere Umfang persönlicher Bethätigungen, der demEinzelnen erschlossen wird. Der Arbeitsmarkt, dereinst ein örtlichoder mindestens provinziell beschränkter, ist allmählich ein nationalerund theilweise selbst internationaler geworden. Je weniger inFolge -dessen das Interesse der Völker Störungen dieses wachsendenfriedlichen Verkehrs erträgt, um so stärker werden die Bürgschaftengegen kriegerische Verwicklungen. Der Gedanke internationalerSchiedsgerichte, vor einem Jahrhundert noch als utopische Träumereiverspottet, ist unter der zwingenden Macht der Verkehrsinteressenschon mehr als einmal zur Wirklichkeit geworden. Die grössereFreiheit des persönlichen Verkehrs zusammen mit der gesteigertenErzeugung und Bewegung materieller Güter hat endlich jenes Auf-blühen und Anwachsen der Städte verursacht, welches, so schlimmdie Schattenseiten des grossstädtischen Lebens auch sein mögen,doch der Anspannung technischer Erfindungskraft und der Verbrei-tung intellectueller Bildung die grössten Dienste geleistet hat. Wennin älteren Zeiten Kunst und Wissenschaft nur unter dem Schutz derHöfe gedeihen konnten, so bieten sich heute der Entfaltung derselbenfast ebenso viele Stätten dar, als Centren städtischen Lebens einengrösseren Aufwand für öffentliche Zwecke möglich machen. In Folge die-ser umfassenderen Zwecke findet aber zugleich das gemeinnützigeWirken■der Einzelnen reichere Gelegenheit sich zu bethätigen, und die Grösseder allgemeinen Interessen lässt leichter engherzige Sonderbestrebungenverstummen. Denn das Wort des Dichters: „Es wächst der Menschmit seinen grossem Zwecken“ bewährt sich hier ebenso wie aufallen anderen Gebieten des sittlichen Lebens.
Dass freilich gerade der Verkehr auch sittliche Nachtheile mitsich führt, die seine Vortheile in Schatten stellen können, wirdNiemand bestreiten; ja es mag sein, dass dadurch für ganze Zeitender Vorzug der gesteigerten Cultur ein fragwürdiger ist. Abgesehenvon den sittlichen Gefahren, die das städtische Lehen durch die all-zuleichte Gelegenheit zur Befriedigung persönlicher Wünsche, durchdie Verführung zu gewinnbringenden Beschäftigungen ohne solideArbeit, durch den Zusammenfluss unsittlicher Elemente, welche dasBetreibe der Stadt als den günstigsten Boden für ihre der Gesell-