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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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252 Die Natur- und Culturbedingungen der sittlichen Entwicklung.

sich der alte Kephalos im Eingänge der Platonischen Republik, dasser zwischen seinem Reichthiimer erwerbenden Grossvater und seinemverschwenderischen Vater die rechte Mitte gehalten, da er seinenSöhnen etwas weniges mehr hinterlasse, als er selbst empfangenhabe*). Bis in unsere Tage hat sich ein Rest dieser Anschauungen,zum Theil untermischt mit der älteren Bevorzugung des Grundbe-sitzes, in allen denjenigen gesetzlichen Bestimmungen und wirt-schaftlichen Bestrebungen erhalten, welche eine Theilung des Grund-besitzes zu verhüten suchen. Aber die vorwaltende Entwicklung derCultur hat mehr und mehr dazu geführt, den Werth des Erwerbsin den Vordergrund zu rücken und damit dem beweglichen vor demfesten Besitz auch in ethischer Beziehung den Vorrang zu ver-schallen. Der antike Mensch arbeitet für die Gegenwart, der modernefür die Zukunft. Jener sucht durch den Gebrauch, den er von seinemEigenthum zu persönlichen und gemeinnützigen Zwecken macht, derTradition seiner Vorfahren treu zu bleiben; dieser wünscht, woer über die Befriedigung der Ansprüche, die er selbst und die Ge-sellschaft an den Ertrag seiner Arbeit stellen, hinauszugehen vermag,für seine Kinder zurückzulegen, und nicht selten leitet ihn dabeider Wunsch, dass ihnen das Leben müheloser werden möchte, alses ihm selber geworden ist. Dass jede dieser Anschauungen ihresittlichen Vorzüge und Nachtheile hat, wird Niemand bestreiten. Füruns gilt es nicht zwischen ihnen zu wählen, da der Gang der Culturniemals umgekehrt werden kann. Wenn die sittlichen Grundlagender Besitzverhältnisse in der Zukunft Aenderungen erfahren sollen,wie es wahrscheinlich der Fall ist, so kann dies nicht geschehen,indem das Alte wiederum neu wird, sondern nur indem aus demNeuen abermals Neues hervorgeht. Liegt der sittliche Werth derantiken Anschauung in Gemeinsinn und Pietätsgefühl, so ist diemoderne dagegen von einem lebendigeren Interesse für den engerenKreis der Familie erfüllt, einem Interesse, das in gleichem Massezunahm, als die Kreise der bürgerlichen und politischen Gemein-schaft sich erweitert haben. Dadurch liegt aber allerdings auch dieGefahr egoistischer Engherzigkeit dem modernen Menschen näher,und der gesteigerte Erwerbstrieb führt, indem er die Leistungsfähig-keit für sittliche Zwecke vergrössert, gleichzeitig sittliche Gefahrenherbei. Geiz, Habsucht, Ausbeutung und Uebervortheilung Anderer,Genusssucht und völliges Versinken in materielle Interessen sind

*) Plato, Republ. .1, 4.