248 Die Natur- und Culturbedingungen der sittlichen Entwicklung.
Und wie sehr steht hinten der ethischen Bedeutung der Liebe in derheutigen Dichtung die R$lle zurück, die dem Liebesgott Eros in derantiken Kunst zufällt! Eine Ahnung der ungeheuren ethischen Machtdieses Motivs begegnet uns wohl zum ersten Male in dem wunder-baren Dithyrambus auf den Eros, den Plato im Phädrus seinem So-krates in den Mund legt. Auch hier ist es diesem Philosophenvor andern geglückt, die Gedankenwelt künftiger Zeiten voraus-zunehmen.
Der grösseren Freiheit und Vielgestaltigkeit, in der sich dasbloss noch von subjectiven Seelenstimmungen geleitete Naturgefühlbethätigt, entspricht nun freilich nicht allein die Fähigkeit diesesGefühls ethischen Motiven jeden Inhalts sich anzupassen, sondernes entspringt daraus auch ein Umschmelzen der Natureindrücke imInteresse der subjectiven Individualität, welches den guten wieden schlimmen Seiten der letzteren gleichmässig gerecht wird. Demsubjectiv gewordenen Naturgefühl haben sich früher unbekannteBeziehungen der Natur zum Gemüthsleben offenbart, aber jene ob-jective Bedeutung, die dereinst die Naturordnung als ein Vorbildsittlicher Weltordnung besass, ist ihm unverständlich geworden. Sokommt es, dass gerade auf dieser Stufe mit dem tiefsten Naturge-fühl und dem feinsten Sinn für gewisse ethische Lebensrichtungenschwere sittliche Mängel sich verbinden können. Kleinlicher Egois-mus und aufopfernde Liebe, hartherzige Grausamkeit und zarte Em-pfindsamkeit wohnen häufiger im modernen als im antiken Charakterbeisammen; ja manche dieser Verbindungen sind gerade wegen desStrebens der Contraste nach Ausgleichung nicht ungewöhnlich: dieMischung sentimentaler Gefühlschwelgerei und blutdürstigen Menschen-hasses, wie sie der Charakter eines Robespierre in sich birgt, istein echtes Erzeugniss jener modernen Naturschwärmerei, welche fürdie Gefühle die sie zu pflegen wünscht Anregungen aus der Naturschöpft, aber ausserhalb dieser Sphäre ästhetischen Genusses und ein-seitiger sittlicher Herzensbildung die Scheu vor der Natur nichtmehr kennt, welche den vielleicht minder gefühlsstarken, dafür aberkeuscheren und reineren Natursinn früherer Zeiten beseelt hatte.So sind auch hier den Vorzügen grösserer Freiheit und Mannigfaltig-keit der Entwicklungen Gefahren beigesellt, die eine rohere Stufenicht kannte.