Die Entwicklung- des Naturgefühls.
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von ihr erregt zu werden, und, wo sie ihm nicht von selbst diesenWunsch erfüllt, da gestaltet er sie um nach seinen Bedürfnissen.Darum ist hier die Scheu vor der Natur ebenso wie das religiöse Ge-fühl, das sich an ihre Gesetzmässigkeit knüpft, geschwunden, undden menschlichen Zwecken, denen die Natur dienen muss, ent-spricht es, dass in ihr das Liebliche und Rührende mehr als das ein-fach Schöne, das Furchtbare und Ueberraschende mehr als das ruhigErhabene die Phantasie, die nach äussern Bildern ihrer innerenStimmungen sucht, gefangen nimmt.
Dem Ineinsleben mit der Natur, welches so dieser Form desNatursinns eigen ist, entsprechen aber neue ethische Wirkungen,die gerade aus der Unmittelbarkeit, mit der das menschliche Ge-fühl mit dem äusserlich Angeschauten verschmilzt, ihre Macht überdas Gemüth gewinnen. Doch wegen ihrer bloss subjectiven Be-deutung sind eben diese Wirkungen so vielgestaltig wie die mensch-lichen Gemüthsbewegungen selber. Sie können sittliche Triebe ver-stärken und der künstlerischen Darstellung ethischer Motive einezuvor nicht erreichte Lebendigkeit verleihen; aber die zwingende Ge-walt, mit welcher dereinst die Idee einer Natur und Leben umfassendenWeltordnung in der Näturanschauung gegenständlich sich einprägte,hat aufgehört. Auch darin bethätigt sich innerhalb der grösserenMannigfaltigkeit die grössere Freiheit dieses Naturgefühls. In derKunst tritt der Gegensatz zu den vorangegangenen Entwicklungs-stufen besonders in der innigen Verwebung der Naturschilderungmit der Darstellung menschlicher Gefühle und Leidenschaften hervor,wobei bald das menschliche Gemüth, bald umgekehrt die Natur alsdas primum movens erscheint, bald aber auch beide, Inneres undAeusseres, so unmittelbar in einander fliessen, dass von einemFrüher oder Später nicht geredet werden kann. Für die Machtdieser Naturstimmung legt die Thatsaehe das lauteste Zeugniss ab,dass sich nun zum ersten Male Poesie und bildende Kunst Lebensgebieteerobern, die im wirklichen Leben freilich nie ohne eine ethische Be-deutung gewesen waren, die aber doch jetzt erst der dichterischenIdealisirung allgemeiner zugänglich werden. Das wichtigste dieservon der Kunst neu eroberten Lebensgebiete ist das der Liebe. Wiewäre die Liebe, wie sie die moderne Kunst als ihr unerschöpflichesGrundthema namentlich in Lyrik und Roman verwerthet, denkbarohne unser modernes Naturgefühl, ohne jene unmittelbare Ver-schmelzung des äusseren Eindrucks und der inneren Stimmung, vonder die Goethe’sche Dichtung ein so unnachahmliches Beispiel gibt?