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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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244 Die Natur- und Culturbedingungen der sittlichen Entwicklung.

die Meinung leuchtet durch, dass mit der Störung der ersteren auchdie letzteren ihre Macht einbüssen *).

Eine verbreitete, aber freilich meist bald durch die Noth desDaseins zurückgedrängte Form dieser Scheu vor der Natur bestehtin der Schonung der T hie re. Auch die Tödtung des Thieresist ja ein Verstoss gegen die natürliche Ordnung, der um so tieferempfunden wird, je mehr entweder specielle Gestaltungen des mytho-logischen Denkens bestimmte Thiere mit den Göttern in directe Be-ziehung bringen, oder je mehr die Gleichartigkeit des Fühlens undHandelns der Thiere mit dem menschlichen sich einprägt. Wahr-scheinlich hat zuerst das Thieropfer dem Menschen Uber daswiderstrebende Gefühl hinweggeholfen. Die Tödtung des Thieres,unerlaubt zu eigenen Zwecken, galt als gottgefällig in der Formdes religiösen Opfers, und das dem Gott geweihte Thier konntenun auch von dem Menschen verzehrt werden. Darum so vielfach,zum Theil bis in unsere Zeiten-, der Cultus das Schlachten derThiere, auch wo es zu alltäglichen Zwecken geschieht, mit besonderenreligiösen Ceremonien umgibt. Für die Beziehung zum Naturgefühlist es bezeichnend, dass sich in jenen philosophischen Secten, indenen der Natursinn zu einem Bestandtheil mystischer religiöserIdeen geworden war, die Scheu vor der Tödtung der Mitgeschöpfeam längsten erhalten hat. So empfahlen die Pythagoreer und nochin späterer Zeit die Neuplatoniker die Enthaltung vom Fleischge-nusse. Hier wird der Natursinn zu einer Quelle der Askese, welchein ihren ersten Motiven von den sonstigen Ursachen dieser Lebens-anschauung weit abliegt, aber, da sie in ihrem Effect mit denletzteren zusammentrifft, vermöge der unvermeidlichen Rückwirkungdes Zwecks auf das Motiv schliesslich selbst in diesem überein-stimmend wird. Auch der schwärmerische Anhänger des natura-listischen Pantheismus übt zuletzt die Askese nicht um des Objectessondern um der beseligenden Folgen willen, die er für sich selbstzu gewinnen sucht.

Dem mythologischen Denken, das die ewigen Ordnungen derNatur als innig verwebt mit der sittlichen Weltordnung vorstellt,wird so die Natur eine äussere Erzieherin zur Sittlichkeit, ähnlichwie die religiösen Gefühle die frühesten inneren Beweggründesittlicher Lebensführung bilden. Beide Motive aber verschmelzenwieder für das naive Bewusstsein zu einer übereinstimmenden Ge-

*) Vgl. L. Schmidt, Ethik der Griechen, U, S. 80 ff.