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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die Entwicklung des Naturgefühls.

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Begriff des Gesetzes, der in der menschlichen Gesellschaft erstsein eigentliches Wesen entfaltet, um durch eine späte Reflexionendlich noch einmal auf die Natur übertragen zu werden, ist daherim ersten Anfang doch aus dieser hervorgegangen. Deutlich hatsich dieser Zusammenhang der natürlichen Ordnung mit den Ord-nungen der Sitte namentlich in der Religionsanschauung der Indererhalten. In zahlreichen symbolischen Handlungen äussert sich hierdas Gefühl einer gesetzlichen Ordnung, welche die himmlische undirdische Welt mit einander verbindet, und welche jenem lebendigenNaturgefühl, das in den Gestirnen und Elementen dem eigenenGeiste wesensgleiche Kräfte wiedererkennt, im Grunde eine und die-selbe Ordnung ist. In den Opferleistungen vor allem werden diehimmlischen Phänomene, in denen die Gesetzmässigkeit der Natursich ausprägt, nachgebildet, worauf dann die Opferhandlungen selbstwieder an den Himmel verlegt werden, um als Naturprocesse nunfür um so unverbrüchlichere Gesetze menschlichen Handelns zugelten. So sind Agni und Soma, das Opferfeuer und der Opfer-trank, zuerst Nachbildungen der Naturgottheiten, worauf dann dieHimmelserscheinungen in denen sich die letzteren verkörpern selbstals Handlungen eines von den Göttern begangenen Oultus geschautund verehrt werden*).

Indem die Lebendigkeit dieser Vorstellungen, die unmittelbarin die Ordnungen der Natur Vorbilder menschlicher Lebensordnunghineinlegen, allmählich abnimmt, bleibt ein Rest dieser Anschauungam längsten noch in jener Scheu vor der Natur erhalten, dieden Menschen von gewaltthätigen Eingriffen in dieselbe zurückhält.Für dieses aus religiöser Ehrfurcht und ästhetischem Natursinn ge-mischte Gefühl bietet vor allem die Naturanschauung der Griechendas hervorragendste Beispiel. In einem Prometheus, Ikaros. Phaethonschildert schon der Mythus die warnende Geschichte eines heroischenThatendrangs, welcher den Helden zu Grunde richtet, weil dieserdie ewigen Ordnungen der Natur in blinder Ueberhebung nichtachtet. In gleichem Sinn beurtlreilt ein Herodot solche Thaten wieden Versuch des Xerxes, das Vorgebirge Atlios zu durchstechen unddie beiden Küsten des Hellespont durch Schiffbrücken zu verbinden.Da es die nämlichen Götter sind, welche über der Natur und überdem menschlichen Leben walten, so gilt der Bruch der Naturord-nung zugleich als ein Verstoss gegen die sittlichen Weltgesetze; ja

*) Abel Bergaigne, Religion veiliijue, p. 224.