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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die Entwicklung des Naturgefühls.

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b. Die Entwicklung des Naturgefühls.

Wie der Mensch in seinen äusseren Lebensbedürfnissen vonder Natur abhängt, von den Hilfsmitteln, die sie ihm bietet, undvon den Gefahren, mit denen sie ihn bedroht, ebenso wird er inseiner inneren Anschauungswelt bestimmt von der Naturumgebung.Diese Wirkungen stehen im innigsten Zusammenhänge mit demgeistigen Sein des Menschen, wie dasselbe in Mythus, Religion undSitte sowie in den ästhetischen Bedürfnissen des Gemüths zuTage tritt. Auch hier ist aber der Einfluss der Natur kein unver-änderlicher. Auf den modernen Europäer wirken dieselben Berge,Flüsse und Wälder anders ein, als sie vor Jahrtausenden auf seineVorfahren gewirkt haben. In diesem Wechsel spiegeln sich Ver-änderungen der ästhetischen Weltanschauung, die zugleich mit Ver-änderungen der sittlichen Lebensansicht verbunden sind*).

Man hat vielfach angenommen, dass der Natur sinn ein Er-zeugnis der modernen Cultur sei, oder dass er mindestens noch derBlüthezeit des antiken Lebens gefehlt habe, um sich erst bei demVerfall desselben, ähnlich wie so manche andere Spuren moderner An-schauungen, zu zeigen. Der ursprüngliche verhalte sich, so meinteman, in dieser Beziehung zu dem heutigen Menschen ähnlich wienoch jetzt der Landmann zu dem gebildeten Städter, wo ebenfallsder erstere an den Schönheiten einer Landschaft, die den zweitenentzückt, gleichgültig vorübergeht. Aber diese Vergleichung istin keiner Beziehung zutreffend. Sie übersieht, dass es die uns völlig-verloren gegangene mythologische Form des Denkens ist, in welcherdas ursprüngliche Naturgefühl sich bethätigt. Aus dem so bis indie Anfänge menschlicher Cultur zurückreichenden mythologischenist aber das ästhetische Naturgefühl, dessen Wirkungen wir heuteempfinden, selbst erst durch eine allmähliche Entwicklung hervor-gegangen. Die hauptsächlichste Vorbedingung dieser Entwicklungbildete die Umwandlung der Naturgötter in sittliche Mächte, eineUmwandlung, in deren Folge sich die Götter von der Natur lösten,um in unsichtbare, aber im Schicksal und in der Stimme des Ge-wissens noch immer allgegenwärtige Mächte überzugehen. In demMasse als dadurch die Natur ihre unmittelbare lebendige Wirklich-

*) Vgl. A. Biese. Die Entwicklung, des Naturgefühls bei den Griechenund Römern. 188284. Die Entwicklung des Naturgefühls im Mittelalter undin der Neuzeit. 1888.

W u n d t, Ethik. 2 . Aufl.

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