240 Die Natur- und Culturbedingungen der sittlichen Entwicklung.
stärken die Motive zur Ausübung socialer Pflichten; sie vergrössernaber freilich auch die Antriebe zu manchen verwerflichen Eigen-schaften. Wo die Bebauung des Bodens, wie bei den VölkernInnerafrikas, ganz in die Hände des Menschen gelegt ist, weil mandie Züchtung des Thieres für diesen Zweck noch nicht kennt, dadrängt die Schwere dieser Arbeit zu jener Ständescheidung, die denArbeitenden zum unterjochten Lastthier und den Gebietenden zumlaunenhaften Despoten macht. Wenn die Gewohnheit den Mit-menschen als Arbeitsthier zu gebrauchen durch das Gefühl derStammesgemeinschaft einigermassen gezügelt wird, so rückt um somehr der Kriegsgefangene oder selbst der um Geld erkaufte Stam-mesfremde fast völlig auf die Stufe des Thieres herab, dessen Kräfteauszunützen man sich berechtigt glaubt. So ist die Sclaverei,welche das Jäger- und Nomadenleben nicht kennen, überall an dieAnfänge des Landbaus geknüpft*). Soweit heute noch Sclavereibesteht, ist Innerafrika mit seiner primitiven Bodenwirthschaft ihreWiege. Auf der nämlichen Grundlage hat sich dann bei denGriechen und Römern die Anschauung entwickelt, dass überhauptdie Beschäftigung mit den der Nothdurft des Lebens bestimmtenArbeiten des freien Mannes unwürdig sei, eine Anschauung, die indem sittlichen Bewusstsein des Alterthums so fest wurzelte, dassselbst die Philosophen, die eine humanere sittliche Lebensauffassungvorbereiteten, ein Plato und Aristoteles, die Sclaverei für eine natur-gemässe, also sittlich gerechtfertigte Institution erklärten.
Sicherlich thun wir von unserm heutigen Standpunkte ausrecht, diese Anschauung zu missbilligen. Aber zugleich ist keinPunkt so sehr wie dieser geeignet die Lehre einzuprägen, dass indem allgemeinen Verlauf der Entwicklung sittliche Güter nur durchdas Opfer vorübergehender sittlicher Mängel erreichbar sind. Mankann sagen, dass die Ethik der Griechen schon um deswillen eineunvollkommene bleiben musste, weil sie auf der Voraussetzung desGegensatzes der freien Arbeit und der Sclavenarbeit aufgebaut war.Aber man muss zugleich hinzufügen, dass alles was die geistigeCultur des Alterthums Grosses hervorgebracht hat, und darum auchalles was unsere eigene sittliche Lebensanschauung jener Cultur ver-dankt, schwerlich anders als eben unter den äusseren Bedingungenmöglich war, unter denen sich dieselbe thatsächlich entwickelte.
*) Ygl. oben S. 160 f. die hier ergänzend sich anschliessende Besprechungder socialen Bedeutung der Sclaverei.