l)ie Gastfreundschaft.
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einen religiösen und einen sittlich-socialen. Ganz hatte wohl derletztere in dem allgemeinen Bewusstsein sich niemals von demersteren gelöst; wohl aber war dies mindestens bei Einzelnen ge-schehen. Sonst hätte die spätere Philosophie die humane Hospitali-tät nicht zu einer von religiösen Beziehungen völlig unabhängigenPflicht erheben können. Ueberdies fehlte es ja schon dem frühestenAlterthum nicht an mannigfachem Handelsverkehr, und mit der all-mählichen Zunahme des letzteren mussten auch jene praktischenMotive für die Ausübung des Gastrechts zwischen den verkehrendenNationen einen wachsenden Einfluss gewinnen*).
Immerhin blieb die Idee einer allgemeinen Humanität in derantiken Welt das Eigenthum Einzelner. Im Volksbewusstsein ver-mochte sie sich gegenüber den nationalen Vorurtheilen und egoisti-schen Interessen niemals allgemeine Geltung zu verschaffen. Das un-leugbare Verdienst des Christenthums ist es, jene Idee in derForm einer sittlich-religiösen Forderung zum Gemeingut seiner Be-kenner gemacht zu haben. Die Veränderungen der politischen undsocialen Bedingungen arbeiteten der humanen Tendenz des Christen-thums in die Hände. Während die Enge des antiken Gemeinwesensder freieren Entwicklung des Humanitätsgefühls als unübersteigbareSchranke im Wege stand, musste umgekehrt die Gründung weitumfassender politischer Verbände dem Staatsgefühl selbst schon einenhumaneren Inhalt geben. Gleichwohl hat sich jene Entwicklungnur allmählich vollzogen. Stand doch in dem Christenthum selbstursprünglich eine national beschränktere Auffassung, die juden-christliche, der weitherzigeren, als deren Träger der Apostel Paulusgilt, gegenüber. Und auch als die letztere zum Siege gelangt war,erfuhren die humanen Anschauungen, die in der praktischen Moraldes Christenthums niedergelegt sind, unausgesetzte Beeinträchtigungendurch das immer stärker werdende Bewusstsein der besonderengöttlichen Gnade, die den Bekennern der christlichen Lehre zu Theilgeworden sei. Diese Vorstellungen Hessen allenfalls dem Mitleidmit Andersgläubigen Raum; sie liehen aber nicht minder der Grau-samkeit der Glaubensverfolgungen einen rechtsgültigen Vorwand. Wiein der Vorzeit das gemeinsame Stammesgefühl, so wurde nun das
*) R. von Jhering, Die Gastfreundschaft im Alterthum, DeutscheRundschau, XIII, 1887, S. 357 ff. Im Hinblick auf diese Bedeutung des Han-dels schreibt Jhering den Phöniziern den hervorragendsten Einfluss aufdie Entwicklung der Gastfreundschaft zu und bringt dafür beachtenswertheZeugnisse bei. (S. 382 ff.)