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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die Sitte und das sittliche Leben.

seltenen Fällen: Standes- und Besitzinteressen oder fremde Willens-einflüsse sind bei ihr ungleich mächtiger, namentlich auf früherenCulturstufon, als bei der Freundschaft. Ebenso ist die leichtere Lös-barkeit des Freundschaftsbündnisses der idealen Gestaltung desselbeneher förderlich als hinderlich. Eine Freundschaft, der das Bandwechselseitiger Zuneigung abhanden gekommen ist, erlischt von selbst.Die Ehe, die frühe schon sich zu einem Rechtsverhältniss gestaltet,bedarf zum mindesten der ausdrücklichen Willenserklärung zu ihrerLösung, und diese ist meist von mancherlei äusseren Schwierigkeitenumgeben. Nun haben freilich gerade die Griechen, und zum Theildie besten unter ihnen, ein Sokrates und Aristoteles, nicht versäumtauch den Nutzen der Freundschaft hervorzuheben: das Beistehen

in Gefahr, die wechselseitige Förderung die Freunde sich angedeihenlassen. Aber in dem Cultus der Freundschaft als solcher, in derFreude am Besitz des Freundes, der man ohne solche Nebenrück-sichten sich hingibt, liegt, ohne dass es dazu des ausdrücklichenZugeständnisses bedürfte, der deutliche Beweis, dass uneigennützigeBeweggründe als Elemente des Freundschaftsgefühls niemals gefehlthaben. Jene Utilitätsgründe sind eben die leichter zu erkennenden,auf die deshalb eine beginnende Reflexion immer zuerst verfällt.Die tiefer liegenden Motive können zwar nachempfunden und daherkünstlerisch zur Darstellung gebracht werden, aber für den Verstand,der seine eigene berechnende Ueberlegung leicht auf die Objecteüberträgt, sind sie so lange incommensurabel, als derselbe in derausschliesslichen Zergliederung der äusseren Effecte der Handlungenbefangen bleibt. Darum ist es nicht ohne Bedeutung, dass die erstephilosophische Vertiefung in das Problem der Freundschaft, die sichüber jenen äusserlichen Standpunkt völlig erhoben hat, die Rede aufdie Liebe, die im Platonischen Phädrus dem Sokrates in den Mundgelegt wird, die poetische Form annimmt. Uebrigens beschränkensich selbst die nüchterneren Erörterungen des Aristoteles durchausnicht auf die Schätzung des äusseren Glücks der Freundschaft, sonderndie sittliche Gemeinschaft ist dem Stagiriten um ihrer selbst willendas höchste Gut. Er nennt daher nur die Freundschaft zwischensittlichen Menschen selbst sittlich und zugleich das mächtigste Hülfs-mittel für die Förderung der Sittlichkeit des Einzelnen.

Ueberspringt nun auch die Freundschaft kaum jemals dieSchranken gleichen Standes und übereinstimmender Beschäftigung,so ist sie doch gerade vermöge der Freiheit der Neigung, welche inihr den Menschen an den Menschen bindet, das natürliche Mittel-