Die Freundschaft.
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auch für ihre Zeit sicherlich weit über die allgemeine Anschauungbezüglich dessen was lohenswerth sei hinausgegangen.
Die Veränderung in den Humanitätsvorstellungen, ohne dieaber immerhin solche Lehren schwerlich möglich gewesen wären,hatte sich hauptsächlich von zwei Punkten aus vorbereitet. Dieseeinzelnen Gestaltungen, in denen die allgemeinere Humanität all-mählich heranreifte, sind die Verhältnisse der Freundschaft undder Gastfreundschaft.
b. Die Freundschaft.
Welche grosse Rolle in der antiken, besonders der griechischenWelt die Freundschaft spielte, ist bekannt. Mythisch wird diesesVerhältniss verklärt in einem Theseus und Peirithoos, einem Achilleusund Patroklos, einem Orestes und Pylades*). Dies Bild des Freundes-paares, das in den verschiedensten Theilen der Mythengeschichtewiederkehrt, ist zugleich Abbild und Vorbild des wirklichen Lebens.Die Beschränkung des Verhältnisses auf zwei mit einander ver-bundene Freunde verräth die Intensität eines Gefühls, das dem Griechenhöher stand als die Bande der Familie. Bezeichnend für die allgemeineWürdigung dieses Lebensverhältnisses ist die eingehende und von einerbei ihm seltenen Gefühls wärme getragene Untersuchung des Aristotelesüber die Freundschaft, eine Untersuchung, die gerade wegen ihrerrealistischen Färbung durchaus das Gepräge einer Theorie an sichträgt, welche aus den allgemeinen Lebensanschauungen der Zeithervorgegangen ist**). Wenn Sokrates seinen Schülern rieth, vorder Schliessung einer Freundschaft das Orakel zu befragen, so er-scheint die religiöse Weihe, die er ihr damit zu geben wünschte, voll-kommen der Bedeutung entsprechend, die sie in der allgemeinenSchätzung einnahm. Um so charakteristischer aber ist dieser Zug, alsdie Eingehung des Ehebündnisses einer religiösen Heiligung fast völligermangelte.
Für den idealen Werth, den sich das Verhältniss der Freund-schaft schon so frühe errang, war es zweifellos besonders förderlich,dass unter allen Verbindungen zwischen Mensch und Mensch die-jenige der Freundschaft am meisten auf freier Wahl beruht. DieEhe erfreut sich der gleichen Freiheit nur in verhältnissmässig
*) Vgl. L. Schmidt, Ethik der Griechen, II, S. 337 ff.
**) Xenophon, Memor. II, 4—6. Aristoteles, Eth. Nicom. VIIIand IX.