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Die Sitte und das sittliche Leben.
ausgeübt. Besonders die Philosophie war in dieser Beziehung wenigerein Spiegelbild geänderter Volksanschauungen als die Führerin aufdem Wege zu reineren und allgemeineren Humanitätsideen.
In der heroischen Zeit der Griechen und Römer wie der Ger-manen gilt es als ein selbstverständlicher Grundsatz, dass eroberteStädte und Dörfer mit allem was sie bergen dem Sieger gehören.Waffenfähige Männer werden getödtet, Kinder und Frauen mit derübrigen Beute vertheilt und in die Sclaverei geschleppt. Danebengilt es freilich, namentlich bei den Griechen, als eine Regel, derenBefolgung rühmlich ist, in der Unterwerfung des Besiegten Masszu halten, ohne dass jedoch dieses Verhalten eine eigentlichePflicht oder gar ein Recht ist, auf das der Unterliegende An-spruch erheben könnte. Weniger um der Schonung willen, die erübt, als wegen der Besonnenheit, die er damit bethätigt, gilt dasMasshalten des Siegers als rühmlich, und es wird überdies als einAct der Klugheit geschätzt, da nur derjenige welcher Milde übtselber wieder, wenn das Kriegsglück sich wenden sollte, auf Schonungrechnen kann. Nie aber darf die Milde so weit gehen, dass erlittenesUnrecht ungerächt bleibt. Beleidigungen oder gar tliätliche Miss-handlungen hinzunehmen, ohne sie mit gleichem zu vergelten, wirdnoch bis in die späteren Zeiten für ein Zeichen unrühmlicher Schwächegehalten. Selbst die Philosophen erheben sich höchstens zu der An-schauung, dass es von einer grossen Seele zeuge, wenn man kleineUnbill nicht beachte. So wird in näherer Ausführung des „Nichtszu sehr“ (jjl7)5sv äyav), des obersten Wahlspruchs der sieben Weisen,dem Chilon das Wort in den Mund gelegt: „Wenn du beleidigtwirst, so versöhne dich, wenn du aber mit Uebermuth behandeltwirst, so räche dich. “ Und ähnlich lautet der Ausspruch des Thaies:„Ertrage Kleines von deinem Nächsten.“ Noch Aristoteles meint, essei Sclavenart sich selbst oder seine Angehörigen ruhig misshandelnzu lassen, aber tadelnswerth sei es, nicht Mass zu halten in seinemZorn*). Wenn im Gegensätze zu diesen augenscheinlich mit demnationalen Bewusstsein im Einklang stehenden Aeusserungen Platoschon ganz allgemein den Satz vertheidigt, dass Unrechtleiden bessersei als Unrechtthun, und wenn späterhin die Moral der Stoiker denZorn unbedingt als eine unedle Leidenschaft verpönt, so reflectirtsich darin zwar eine allmähliche Aenderung in dem sittlichen Be-wusstsein der Zeiten. Dennoch sind die Lehren dieser Philosophen
') Aristoteles, Eth. Nicom. IV, 11 und 12.