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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die allgemeine Entwicklung der Humanitätsgefühle.

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und Staat immer unabhängiger sich gestaltende Verbindung derHumanität. Auf die natürliche Verwandtschaft ohne Rücksichtauf nähere Beziehungen gemeinsamer Herkunft und gemeinsamerSitte gegründet, ist sie der letzte und umfassendste der Verbände,die den Menschen an den Menschen fesseln.

5. Die humanen Lebensformen.

a. Die allgemeine Entwicklung der Humanitätsgefühle.

Dem wilden Zustande sind unsere HumanitätsVorstellungen unddas von ihnen getragene Gefühl allgemeiner Menschenliebe völligfremd. Die Regungen, die der Naturmensch dem Stammesfremdengegenüber empfindet, bewegen sich meist zwischen Furcht und Ver-achtung. Am ehesten ist er noch der Regung des Mitleids fähig.Der Anblick des sinnlichen Schmerzes erweist sich überall als dasstärkste Mittel zur Erzeugung von Mitgefühl. Wo andere leiden-schaftlichere Motive nicht im Wege stehen, kann sich aber dies Mit-gefühl selbst bei unbedeutenderen Anlässen als gutmüthige Gefällig-keit, Gastlichkeit und Freigebigkeit äussern*).

Noch in dem sittlichen Bewusstsein der alten Culturvölber istder Humanitätsbegriff ein unentwickelter. Die griechische Philan-thropia geht mehr auf die besonderen Beziehungen zwischen einzelnendurch bestimmte Pflichten verbundenen Personen, die römische Hu-manitas mehr auf die äussere Form des Verhaltens im Verkehr derMenschen unter einander, als auf eine unserem heutigen Begriff derMenschenliebe oder Humanität entsprechende Gesinnung. Auch hierhaben die Wörter eine Bedeutungsentwicklung erfahren, die demveränderten sittlichen Bewusstsein sich anpasste. Zwei Züge sindes namentlich, in denen jene beschränktere Auffassung der antikenSitte sich ausspricht: erstens das Fehlen jeder humanen Rück-

sicht Menschen fremder Abstammung gegenüber, und zweitensdie Anerkennung der Vergeltungsidee als bestimmend für den per-sönlichen Verkehr und die damit zusammenhängende Billigung derAffecte der Rache und des Zorns innerhalb gewisser Schranken. Eineallmähliche Aenderung dieser Anschauungen hat sich jedoch schonin der alten Cultur vollzogen. Hier gerade haben Dichtkunst undPhilosophie einen unverkennbaren Einfluss auf das Volksbewusstsein

*J Vgl. einzelne Züge bei Waitz a..a. 0. II, S. 217, III, S. 165, VI, S. 105 f.