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Die Sitte und das sittliche Leben.
ihm weiter zu leben der Mühe werth sei, ist gewiss ausnehmendunwahrscheinlich. Aber der Grundgedanke dieser naiven Erörterungenwird sich gleichwohl nicht bestreiten lassen. Niemand opfert sichfür Andere oder für den Staat, dem er angehört, ohne dass dabeiauch sein eigenes Ich nach Befriedigung sucht. Für die Heldender heroischen Zeit bestanden diese selbstbegehrten Güter, abgesehenvon der unmittelbaren Freude an der Bethätigung der eigenen Kraft,in dem Streben nach Beute, Macht und Ruhm, wobei der letztereselbst zum grossen Theil wieder auf die Schätzung der physischenKraft sich gründete. In einer feiner fühlenden Zeit waren, min-destens bei den edleren Charakteren, alle übrigen Motive durch dasStreben nach Ehre und Ruhm verdrängt worden, während diese zugleichnach dem Werthe sich richteten, welchen die Thätigkeit des Ein-zelnen für das Gemeinwohl besass. Die praktische Ethik dieser Ent-wicklungsstufe befolgt den Wahlspruch: „Selbstlos zu handeln ausSelbstliebe“. Aber indem die egoistischen Motive allmählich einenidealeren Inhalt gewinnen, und indem sie schliesslich auf das reingeistige Gebiet sich zurückziehen, bereitet sich die noch weitergehendesittliche Forderung vor: „Selbstlos zu handeln aus selbstlosen Be-weggründen“ — eine Uebereinstimmung von Endzweck und Motiv,die nun auch das Reich der Zwecke in eine idealere Sphäre rückt.Denn seiner Natur nach ist zwar der Staat wesentlich auf die Ver-folgung jener realen Lebensaufgaben eingeschränkt, die gemeinsamenSchutz und gemeinsame Arbeit voraussetzen. Aber der ethischenBetrachtung wandeln sich diese Aufgaben allmählich in Hülfsmittelum, welche die Herstellung einer idealen sittlichen Gemeinschaft zumletzten Zweck haben.
Diese ganze Entwicklung würde nicht möglich sein, wenn nichtvon Anfang an unegoistische Triebe als treibende Kräfte mitwirkten.Sie sind es dann, die nach jener Compensation und Selbstregulationegoistischer Motive Zurückbleiben, und die, mit der Erweiterung derGemeinschaft selbst fortan wachsend und ihren Inhalt ändernd,schliesslich den Sieg über die wandelbaren und einander wider-strebenden Neigungen behalten. Damit wird selbstverständlich derEgoismus nicht ausgerottet; bald den gemeinsamen Zwecken dienendbald sie bekämpfend bildet er einen nie ganz zum Stillständekommenden Hebel der socialen Entwicklungen. Aber er muss sichder die Herrschaft erstreitenden Anschauung beugen, dass Staat undRecht die gemeinsamen Güter Aller zu wahren berufen sind.
Von besonderer Bedeutung für die Unterwerfung der egoisti-