Die Gefühle der Volks- und Staatsgemeinschaft.
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sehen Interessen unter gemeinsame Zwecke sind hierbei die Ver-änderungen des primitiven Stammesgefühls, welches die Wurzel allerder Triebe bildet, die in dem Kampf widerstreitender Kräfte denselbstlosen Motiven den Sieg verschaffen. Mit der Erweiterung der„Civitas“ zum länderumfassenden Staate musste das in der ersterennoch lebendig gebliebene Bewusstsein unmittelbarer Zusammen-gehörigkeit verschwinden. An dessen Stelle trat nun, als eine neuegeistige Macht, welche centrifugalen Bestrebungen entgegenwirkte,jenes Bewusstsein einem mächtigen Staat anzugehören, das in demWort „Civis Romanus sum“ dereinst seinen stolzen Ausdruck fand.Die Entstehung der nationalen Literaturen, welche in den Beginnder modernen Zeit fällt, hat endlich noch eine dritte Potenz ent-stehen lassen, diejenige des gemeinsamen Nationalbewusstseins, eineErweiterung des ursprünglichen Stammesgefühls, welche gleich diesemin der Gemeinschaft der Sprache, der Sitten und Lebensanschauungenwurzelt. Wir sind heute geneigt das causale Verhältniss dieserMomente umzukehren. Die gemeinsame Sprache und Sitte betrach-ten wir als einen festen Besitz, der das Bewusstsein nationaler Ge-meinschaft bereits voraussetze. Dies ist im allgemeinen für dasAlterthum zutreffend, nicht aber für die Entstehung des modernenVolksthums, welches die Einheit der Sprache selbst sich erst schaffenmusste, um dann in ihr wieder die Grundlage eines allen Volks-genossen gemeinsamen nationalen Bewusstseins zu finden. Hat sichdoch jede der grossen Nationalsprachen, die wir heute kennen, auseiner fast unzähligen Menge von Dialekten herausgearbeitet, wobeizumeist einer von diesen über die andern die Herrschaft davontrug.Die in der gemeinsamen Sprache niedergelegte Literatur aber wurdedas mächtigste Hülfsmittel für die Verbreitung gemeinsamer Lebens-anschauungen. So ist der moderne Staat in viel höherem Masse eineSchöpfung der Sprache, als er selbst hinwiederum auf die Einheitder Sprache zurückgewirkt hat. Gewisse Ausnahmen rütteln nichtan der Regel: sie beweisen nur, dass die Sprache nicht für sichallein, wo sonstige Bedingungen fehlen, politische Gemeinwesen vondem Umfang unserer heutigen Staaten entstehen lässt, sondern dasssie nur, sobald keine widerstrebenden Ursachen im Wege stehen,die Grenzen bezeichnet, innerhalb deren ein gemeinsames Staats-gefühl als Aequivalent des Stammesgefühls der Vorzeit entstehenkann. Im Vergleich zum letzteren aber ist jenes um so reichergeworden, je höher der Werth der geistigen Güter geschätzt wird,deren Erwerb die Gemeinschaft der Sprache ermöglicht hat. Die