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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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209
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Die Gefühle der Volks- und Staatsgemeinschaft. 209

sammenüuss besonders günstiger Bedingungen konnte ein Staats-wesen von der Grösse der athenischen Republik vorübergehend zueiner Blüthe gelangen, welche es im Licht der Geschichte die grossenWeltreiche des Alterthums überstrahlen lässt. Eine Wiederkehrsolcher Bedingungen ist mit der Zunahme des Völkerverkehrs undseiner Hülfsmittel immer unmöglicher geworden. Aber der Rechts-schutz und die Sicherung gegen Gefahren jeder Art werden durchdie Grösse und Macht des Staates um so gewisser verbürgt, je mehrdiese Güter ohne Bevorzugung einzelner Personen oder Classen allenStaatsbürgern zu gute kommen.

So verräth sich in diesem doppelten Ziel der Entwicklungeine Gesetzmässigkeit, welche in den erreichten Zwecken ihre un-mittelbare Erklärung zu finden scheint. Dennoch wäre es zweifellosirrig, wollte man diese Zwecke als die Ursachen der Entwicklungselbst ansehen. Auch hier liegt der entscheidende Beweis gegeneine solche Annahme darin, dass den vorangegangenen Stufen diespäteren unbekannt bleiben, und dass demnach die Zwecke immererst dann mit Absicht verfolgt werden können, wenn sie mindestenstheilweise schon erreicht sind.

g. Die Gefühle der Volks- und Staatsgemeinsehaft.

Zwei Motive werden wir als die geistigen Kräfte anerkennenmüssen, die von frühe an bei der Bildung politischer Gemeinwesenwirksam gewesen sind: das eine ist die Pietät, welche von derFamilie und dem Stammesverband aus auf die aus ihnen hervor-wachsenden umfassenderen Verbände übergeht; das andere dieSelbstsucht, die dem Individuum als dem letzten Bestandtheiljeder Gemeinschaft innewohnt. Den pietätvollen Gehorsam, den derSohn dem Vater entgegenbringt, überträgt er auf den Stammes-häuptling, und dieser hinwiederum als das Oberhaupt einer er-weiterten Familie verbindet jene Sympathiegefühle, die den Menschenan Seinesgleichen fesseln, mit einem Zug väterlicher Fürsorge fürdie Seinen. Diese Affecte können in Folge der Wirkung entgegen-gesetzter Elemente, selbst wenn die patriarchalische Form des Ver-bandes erhalten geblieben ist, mehr oder weniger zurücktreten: anihrer Ursprünglichkeit zu zweifeln haben wir um so weniger einenGrund, als sie in der Natur des Menschen ganz ebenso wie dasprimitive Stammesgefühl begründet sind und eine Entstehung-

schön des Stammesverbands ohne sie unbegreiflich wäre. Auch istWundt, Ethik. 2. Aufl. 14