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Die Sitte und das sittliche Leben.
selbständigen Motive werden, das fortan ohne die Mithülfe egoisti-scher Beweggründe dem ursprünglich schwächeren Trieb den Siegermöglichte. Nur ein solcher Kampf verschiedenartiger Antriebemacht es begreiflich, dass Motive, deren jedes an sich eineegoistische Färbung besitzt, dennoch eine Resultante erzeugenkönnen, die davon frei ist. Die egoistischen Factoren der Ge-sammtmotive haben sich gegenseitig vernichtet, und es ist so dergeläuterte Trieb allein übrig geblieben. Dass der letztere von nunan stets oder auch nur in einer erheblichen Zahl von Fällen inseiner geläuterten Gestalt sich bethätigen werde, darf man aberfreilich darum noch nicht erwarten. Das menschliche Gemüth istimmer von einer Vielheit von Affecten bewegt, die mit wechselndemErfolg gegen einander kämpfen. Kaum wird es daher jemals Vor-kommen, dass ein Trieb so sehr die Oberhand gewinnt, um dieWirkungen der übrigen ganz zu unterdrücken. Immerhin, die Exi-stenz jenes selbstlos gewordenen Motivs neben den andern verräthsich genugsam darin, dass die Herrschaft desselben, um so mehr jemehr sich das sittliche Bewusstsein geläutert hat, als Forderungempfunden wird.
Das unmittelbare Zeugniss für diese Entstehung der sittlichenTriebe aus vorsittlichen aber entwicklungsfähigen Keimen liegtin den mannigfachen Aeusserungen des sittlichen Bewusstseins ver-schiedener Stufen, die uns theils in der Geschichte und Dichtung,theils in ausdrücklichen Lebensmaximen aufbewahrt sind. Wohlstehen auch die Helden Homers einander hülfreich zur Seite. DerFreund setzt für den Freund, der Sohn für den Vater, der Bruderfür den Bruder seine Kraft und selbst sein Leben ein. Aber dieMotive, die für solche Handlungen geltend gemacht werden, ent-springen durchweg einem naiven Egoismus. Dem Genossen zuhelfen gilt als rühmlich, vor allem aber als nützlich, weil nur derHülfsbereite Aussicht hat, wenn er in Gefahr geräth selbst einenHelfer zu finden. Als ein Hauptmotiv Unrecht zu meiden gilt derTadel der Menschen. Von dieser roheren Auffassung, bei der selbst-lose Beweggründe zwar nicht ganz fehlen, aber doch hinter denäusseren Zwecken des Nutzens, der Auszeichnung oder der Nachredezurücktreten, ist sicherlich ein weiter Schritt bis zu der Gesinnung,die sich in dem Wort der Sophokleischen Antigone ausspricht:„Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da“,
oder die uns in einem Vers des Menander erhalten ist:
„Dies ist das Leben, nicht für sich zu leben bloss“.