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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die Sitte und das sittliche Leben.

Genossen sind die objectiv gewordenen Aeusserungen der eigenenGemüthsbewegungen und zugleich mächtige Anregungsmittel dereigenen Lust und des eigenen Schmerzes. Mit der Empfindung derfremden Gefühlsäusserungen als objectiv gewordener Regungen innererSeelenzustände muss nun aber auch das Streben entstehen, sichihnen gegenüber in der nämlichen Weise zu bethätigen: die Lust-gefühle zu heben, die Schmerzgefühle zu beseitigen. Damit trittzugleich ein neues Moment in die Entwicklung der primitiven Stam-mesgemeinschaft. Hat die werkthätige Hülfe sich erst Erfolge er-rungen, zu der das Mitgefühl mit den Genossen antreibt, so entstehtdamit eine Quelle neuer und verstärkter Sympathiegefühle. DenHülfeempfangenden fesselt die Dankbarkeit, den Hülfegebenden dieFreude des Wohlthuns an den Genossen. Dass von beiden Affectender letzte der stärkere ist, gilt noch auf einer weit fortgeschrittenenStufe als alte Erfahrungswahrheit. Mischt sich der Dankbarkeitleicht ein Gefühl des Neides bei, das die Ueberlegenheit einflösst,die sich der Andere errungen, ^so wird umgekehrt bei diesem dasBewusstsein in ein fremdes Leben fördernd einzugreifen zu einemselbständigen Lustmotiv, welches die ursprüngliche Sympathie mitdem Wohlergehen des Genossen' verstärkt. In eminentem Massefindet nun dieses Motiv seine Anwendung auf das Yerhältniss derErzeuger zu ihren Nachkommen. Je mehr der Vater sichsagen kann, dass die Tüchtigkeit des Sohnes eine That seines eigenenWillens ist, und je mehr das Kind, in höherem Grade als durch dieGeburt, durch die Erziehung ein Geschöpf seiner Eltern wird, umso fester schliessen sich zwischen beiden die Bande wechselseitigerZuneigung. Aber die Entwicklung dieses Verhältnisses beruht aufeiner vorausschauenden Fürsorge, wie sie nur einer höherengeistigen Cultur eigen ist. Dem Naturmenschen steht der Genosse,der ihm ähnlicher ist an physischer Kraft und an geistigen Eigen-schaften, näher als das unentwickelte Kind oder der zu den Ge-schäften des Lebens untauglich gewordene Greis. Es bedarf daheranderer geistiger Hebel, damit jene Fürsorge für die Zukunft undjenes treue Gedächtniss an vergangene Zeiten, in denen die Kindes-und Elternliebe wurzeln, überhaupt entstehen können. Und hierentfalten nun die Vorstellungen der Blutsgemeinschaft und des Be-sitzes, welche die frühesten Gestaltungen des Familienlebens bestim-men, ihre Wirksamkeit. Diese Vorstellungen erzeugen die Anfängeeiner Familiengemeinschaft zu einer Zeit, wo andere Beweggründefür dieselbe noch nicht bestehen. Nachdem durch die Verbindung