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Die Sitte und das sittliche Leben.
nicht überall, wie in Sparta, ihr Werth nur in der Kindererzeugunggesehen ward. Trotz mancher Ausnahmen — wie ja schon dieSage in Odysseus und Penelope, in Hektor und Andromache Bei-spiele eines idealeren ehelichen Verhältnisses kennt — äussert sichdie noch gebliebene Geringschätzung des Weibes namentlich darin,dass der Freundschaft unter Männern der Vorzug vor den Pflichtender Ehe eingeräumt wird. Ein classischer Zeuge hierfür ist Sokrates,der in seiner Sterbestunde der weinenden Xanthippe sich zu entfernengebietet, damit sie das Gespräch der Männer nicht störe.
Besonders augenfällig tritt jenes Pietätsgefühl, aus welchemsich die veredelte Auffassung der Familie allmählich entwickelt, inder Pietät gegen die Verstorbenen hervor, die auf früherenCulturstufen in weit energischeren Erscheinungen sich kundgibt alsspäter. Namentlich nimmt dort das Verhältniss der Nachkommenzu ihren Erzeugern eine religiöse Färbung an, die nicht verfehlenkann auf das Leben selbst vertiefend und läuternd zurückzuwirken.Wenn es uns noch heute vorkommt, dass wir, nachdem ein Ange-höriger durch den Tod uns entrissen ist, längere Zeit meinen ihmüberall begegnen zu müssen, so behält für den Naturmenschen dieVorstellung, dass der Verstorbene mit den Lebenden fortlebe, ihrevolle Wirklichkeit. Insbesondere herrscht die Anschauung, dass derLeichnam oder der abgeschiedene Schatten des Verstorbenen für ihndie Ehre wie die Unbill empfinde, die ihm widerfährt. Der Zurück-gelassene redet mit dem Todten, er versieht ihn mit Lebensbedürf-nissen, ehrt ihn durch Feste, um sich seine Gunst und seinen Bei-stand zu sichern*). In der Sage der Heroenzeit gilt die Bestattungals ein Recht des Todten, dessen Unterlassung ihn selbst ebensoschädigt wie die Hinterbliebenen, die ihre Pflicht versäumen.Priamos wendet ein hohes Lösegeld auf und gefährdet sein eigenesLeben, um den Leichnam seines Sohnes Hektor von Achilleus zuerlangen. Opfer werden mit den Leichnamen verbrannt, und an dieBestattung der Vornehmen schliessen sich Wettkämpfe und andereFeste. Aber während in der früheren Zeit diese Pflichten wesent-lich als Pflichten gegen die Todten selbst aufgefasst werden, voll-zieht sich allmählich ein bedeutsamer Wandel der Anschauungen.Nicht die Rache der Todten sondern der Götter, welche die Be-schützer des Friedens der Todten sind, wird jetzt gefürchtet. Der
*) Vgl. Waitz, a. a. 0., II, S. 193, III, S. 196 ff. Ratzel, a. a. 0. I,&. 341 u. a. Tylor, Anfänge der Cultui', I, S. 451 ff., sowie oben S. 64 ff.