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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die Familie als sittliche Lebensgemeinschaft.

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der Eheverbindung nicht aufkommen; das Vaterrecht hemmt siedurch seine einseitige Geltendmachung des Besitzrechts, das nur eineUnterwerfungspflicht der Frau kennt, dem Manne aber seine volleFreiheit wahrt. So entwickelt sich überhaupt die Vorstellung gegen-seitiger Pflichten der Gatten erst aus dem Bewusstsein ihrergemeinsamen Pflichten. Die gemeinsame Liebe zu den Kindernund die gemeinsame Verehrung von Seiten der letzteren lassen all-mählich die Ehe zu einem Lebensverhältnisse werden, dem auchunabhängig von den Erziehungspflichten ein selbständiger sittlicherWerth zukommt.

Nirgends lässt sich diese langsam eintretende ethische Ver-tiefung des Familiensinnes unter Führung der Kindesliebe und derPietätsgefühle deutlicher verfolgen als innerhalb der hellenischenCultur. Die Fürsorge der Eltern für die Kinder, der Stolz an wolil-gerathenen Söhnen, die Verehrung, die Eltern und Voreltern vonSeiten der Kinder gemessen, die hülfreiche Treue, mit der die Ge-schwister in Noth und Gefahr zusammenstehen, das sind die Ele-mente, die von frühe an in der griechischen Dichtung und Geschichts-schreibung als die hervorragendsten Züge eines wünschenswerthensittlichen Zustandes erscheinen*). Wie bei Herodot Solon im Ge-spräche mit Krösus den Athener Tellus als den glücklichsten derSterblichen preist, weil er viele treffliche Kinder und Kindeskinderbesessen habe, die ihn sämmtlich überlebten, so gilt überhaupt bisin die attische Periode herab der Besitz von Kindern als ein be-neidenswerther Vorzug, ihr Mangel als ein schweres Missgeschick,und die gute Erziehung namentlich der Söhne als eine der erstenPflichten, deren treue Erfüllung die grösste Ehre einbringt. DiePietät der Kinder gegen die Eltern dauert über das Grab hinausfort in dem Cultus, welcher den Verstorbenen geweiht wird, unddessen Versäumniss als der höchste Schimpf gilt, dessen sich Jemandschuldig machen kann. Antilochos, der im Kampfe mit Memnonsein eigenes Leben für das des greisen Nestor einsetzt, Aeneas, derseinen Vater Anchises auf dem Rücken aus den Trümmern der zer-störten Troja davonträgt, sind mythische Vorbilder aufopfernderKindesliebe. In Athen ging des Rechtes in der Volksversammlungzu reden verlustig, wer seinen Vater oder seine Mutter schlug, oderihnen Nahrung und Obdach verweigerte. Dem gegenüber tritt dieethische Bedeutung der Ehe selbst in den Hintergrund, wenn auch

‘) Vgl. Leop. Schmidt, Ethik der Griechen, II, S. 97, 133 ff.