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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die Sitte und das sittliche Leben.

der Füsse bei den Chinesinnen. Nächst dem Aberglauben gibt eskein Motiv, welches den Menschen so sehr zur Selbstpeinigung treibtwie das Streben sich zu schmücken. Die Tattuirung ist eine schmerz-hafte, langwierige und oft lebensgefährliche Operation. Der vornehmeFidschi - Insulaner, dessen Haar in langen Borsten weit vomKopfe absteht, kann niemals sein Haupt zur Ruhe niederlegen, son-dern muss es sich genügen lassen während des Schlafes seinen Nackendurch einen Holzblock zu unterstützen. Auch die Nasenringe, dieKlötze die der Botokude in der Unterlippe trägt, die scharf-kantigen Spitzen in welche der Malaye seine Zähne zuschleift, sievermehren gewiss nicht die Annehmlichkeiten des Daseins; aber siewerden ebenso als ein unvermeidlicher Zwang ertragen wie dieSelbstpeinigungen, die sich der Mensch auferlegt in der Meinungden Göttern wohlgefällig zu sein.

In der That hängen beide Motive, der Wunsch sich zu schmückenund der Wunsch den Göttern zu gefallen — so weit sie auchheute auseinanderzuliegen scheinen — ursprünglich nahe zusammen.Von der Tattuirung namentlich, dieser verbreitetsten Form desdirecten Körperschmuckes, ist es sicher, dass sie einen religiösenUrsprung hat. Der Polynesier, der Indianer gebrauchen nicht seltendie Symbole, in denen sie die Geister der Stammesheroen oder an-dere göttliche Wesen verkörpert denken, als Tattuirungszeichen.Die Tattuirung selbst ist eine Pflicht, der sich jeder unterziehenmusste, und deren Ausführung dereinst wahrscheinlich überall vonreligiösen Ceremonien begleitet war*).

Allmählich ist der Schmuck von dem Körper auf das Kleidübergegangen, und es ist dies wohl hauptsächlich unter dem Zwangder klimatischen Verhältnisse geschehen. Zunächst schliesst nunzwar der Schmuck des Kleides den directen Körperschmuck nichtaus. Der Indianer, der es liebt die Thierfelle in die er sich kleidetmit dem bunten Gefieder der Vögel zu schmücken, tattuirt zugleichsein Angesicht und andere freiliegende Köi’perstellen. Selbst beiCulturvölkern sind Reste des directen Körperschmucks überall er-halten geblieben: so in dem künstlichen Haar- und Barfcschmuckder Assyrer, in der bei den alten Aegyptern und vielfach nochheute im Orient im Gebrauch stehenden Bemalung der Hände unddes Angesichts, in der bei den Arabern, Beduinen wie Städte-bewohnern, vorkommenden Tattuirung des Gesichts und der Hände,

1 Waitz, Anthropologie der Naturvölker, III, S. 95, IV, S. 28 ff.