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Die Sitte und das sittliche Leben.
schützenden Hülle zu bedecken*). Diese primitive Form der Woh-nung konnte leicht einerseits in das wandernde Zelt, anderseits indas stabile Wohnhaus übergehen, bei dem man nun Bedacht daraufnahm, durch Ausfüllen der offenen Zwischenräume mit Rohrgeflecht,mit Erde oder mit Steinen, sowie durch die Herstellung eines aufQuerbalken ruhenden Dachbaus theils den Schutz gegen aussen zustärken, theils einen grösseren Raum zu gewinnen, der zu bleiben-derem Aufenthalt und zur Unterbringung mannigfacher Lebensbedürf-nisse sich eignete. Auch das wandernde Haus, der Wagen, istsichtlich aus dem Zelt des Nomaden hervorgegangen. Vielfach weistdie Sprache schon auf diese einstigen Beziehungen hin, indemin ihr bald die Ausdrücke für Zelt und Haus, bald die für Haus undWagen in ihrem Ursprung zusammenfallen.
Wie die Scheu vor der wohlthätigen und furchtbaren Machtdes Feuers schon in unvordenklicher Zeit die Zubereitung und selbstden Genuss der Nahrung in die Sphäre des religiösen Cultus er-hoben hat, so ist, wenn auch aus andern Motiven, die Heiligung derWohnung nicht minder alten Ursprungs. Sucht der Naturmenschunter dem Obdach des Hauses Schutz vor den Gefahren, mit denenihn die freie Natur bedroht, so kann ihm doch das Haus diesenSchutz erst gewähren, wenn es selbst in den Schutz jener göttlichenMächte gestellt ist, welche die Naturgewalten ebenso wie das mensch-liche Leben lenken. Darum ist überall die Aufrichtung des Hausesmit Cultushandlungen verbunden, und die wichtigsten Theile des-selben, namentlich der Feuerherd und die Thüre, durch die der Be-wohner täglich aus- und eingeht, die dem Gastfreund offen ist,aber vor dem Feinde verschlossen wird, sie stehen fortan unter derbesonderen Obhut der Schutzgeister des Hauses**). So macht derMensch seine eigene Wohnstätte gleichzeitig zu einem Sitz der Götter,und er verstärkt jene Bande der Gewöhnung, die ihn mit dem Ueber-gang zu einem sesshaften Leben immer fester an den häuslichenHerd fesseln, durch die Macht religiöser Gefühle.
Noch ein anderer für die sittliche Entwicklung wichtiger Schrittist an diese religiöse Heiligung des Hauses gebunden. Der Ge-
*) Waitz, Anthropologie der Naturvölker, III, S. 90 ff. Ratzel, Völker-kunde, IT, S. 653 ff.
**) Vgl. hierzu die von Zimmer, Altind. Leben, S. 150 ff., mitgetheiltenVedischen Hymnen, die sich auf den Hausbau beziehen. Ueber die in Sitte undBrauch in Deutschland erhalten gebliebenen Reste s. Roch holz, Das ale-mannische Haus, in: Deutscher Glaube und Brauch, II, S. 67 ff.