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Die Sitte und das sittliche Leben.
Zeit herabreichen, die das Bewusstsein ihrer ursprünglichen Be-deutung verloren hat, fremdartigen und zuweilen selbst sittlich ver-werflichen Zwecken dienstbar geworden sind. Gerade bei denFormen des Mahles ist ein sittlicher Rückgang dieser Art schon da-durch nahe gelegt, dass hier neben allen den idealen Zwecken,welche die Sitte mit dem Genuss der Nahrung zu verbinden gewussthat, der ursprüngliche sinnliche Zweck fortdauert. Sobald daherdieser in solchen Fällen, wo er nur Nebenzweck sein sollte, zumHauptzweck gemacht wird, ist der erste Schritt auf der Bahn derEntsittlichung gethan. Das Festmahl, das Opfermahl, der Leichen-schmaus, sobald bei ihnen die festliche Feier, der religiöse Cultusidas Gedächtniss an den Verstorbenen zu blossen Vorwänden ge-worden sind, hinter denen sich als wirkliches Motiv die Lust an denFreuden der Tafel verbirgt — sie sinken damit nicht etwa blossauf die Stufe der alltäglichen Mahlzeit, sondern sie gewinnen geradedurch den Contrast des vorgeblichen und des wirklichen Zwecks ihrabstossendes Gepräge. Indem hier ein edler Zweck als Aushänge-schild für die Befriedigung niederer Triebe dient, wird die Hand-lung des Einzelnen zur Lüge, oder wo es gar so weit gekommenist, dass Niemand mehr an den ursprünglichen Zweck denkt, daliegt das Anstössige einer solchen Unsitte eben darin, dass eineganze Gesellschaft von Motiven beseelt wird, die als völlig unan-gemessen der Gelegenheit erscheinen, bei der sie sich äussern. Alsdie unschuldigste unter diesen Verirrungen der Sitte gilt uns ausnaheliegenden Gründen jene nicht seltene Form des Zweckessens,bei der das Essen, statt anderen Zwecken zu dienen, zum Selbst-zweck geworden ist. Da es sich hier zumeist um Zwecke handelt,die keiner allzu hohen Sphäre menschlicher Interessen angehören, daalso der wirkliche und der vorgebliche Zweck manchmal von kaumerheblichem Werthunterschiede sind, so lassen wir meist ohnesonderliches Bedenken jene Interpretation des Wortes Zweckessengelten, welche es eben davon herleitet, dass bei ihm das Essen derZweck sei. Bleibt die Unsitte immer verwerflich, so edel auch dieSitte sein mag, aus der sie hervorgegangen, so dient ihr aber einsolcher Ursprung immerhin in gewissem Grade zur Entschuldigung^namentlich wenn wir erwägen, wie unmerklich unter Umständen dieGrenzlinie ist, wo der einst gute Zweck hinter einem nich-tigen Nebenzweck zurücktreten kann, um endlich ganz zu ver-schwinden. Die Entwicklung der Sitte ist hier wie überall eineauf- und absteigende. Das Gesetz des Fortschritts, das alle Umwand-