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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die Sitte und das sittliche Leben.

aus dem gemeinsamen Genuss der Nahrung zwei Gestaltungen desMahles entwickelt: das All tags mahl, das in der Nothdurft desLebens seine Quelle hat, und das Opfer mahl, das dem Cultus derGötter dient. Beide hängen dadurch bleibend mit einander zusammen,dass, was im einen Falle als der Hauptzweck erscheint, imandern als Nebenzweck wirksam ist. Mitten in unser heutigesLeben reicht noch diese uralte Interferenz der Zwecke. Von demdas Alltagsmahl begleitenden Opfer ist das Tischgebet als letztesRudiment übrig geblieben. Das Opfermahl aber hat namentlich inFolge der Verweltlichung seiner Zwecke die verschiedensten Gestal-tungen angenommen. Bald dient es als Festmahl der freudigenErinnerung an wichtige Familienereignisse oder an Begebenheitendes öffentlichen Lebens, bald ist es in der der modernen Culturspecifisch eigenthümlichen Gestalt des Zweckessens dazu be-stimmt, der Verfolgung communaler, politischer oder Standes-interessen eine materielle Unterlage zu bieten. Sobald diese Inter-essen ein einmüthiges Zusammenwirken verlangen, sucht man sich— darauf weist das Attribut des Zwecks in diesem Fall hin — zudem gemeinsamen Zweck zunächst durch gemeinsame Festfreude an-zueifern. Am meisten verblasst ist endlich die ursprüngliche Be-deutung des Festmahls in jenen Ausschmückungen, welche das all-tägliche Mahl erfährt, um der Pflege geselliger Freundschaft zudienen, in dem Gastmahl. Auch diese Form fällt im weiterenSinne unter den Begriff des Zweckessens, da das Wesen des letztereneben in der Umkehrung von Zweck und Motiv besteht. Beim ge-wöhnlichen Mahle kommen wir zusammen, um zu essen; beim Zweck-essen essen wir, um zusammenzukommen.

Man wird nicht verkennen, dass bei diesen mannigfachenTransformationen, welche die unentbehrlichste aller Lebensverrich-tungen erfahren, allmählich ein weiteres psychologisches Motivwirksam geworden ist, das jenen Einfluss des an die Zubereitungder Nahrung gebundenen Cultus, die ursprüngliche Quelle dieserVergeistigungen des sinnlichen Zwecks, schliesslich ganz in denHintergrund drängte. Dieses Motiv besteht in dem Trieb nach sinn-lichen Lustempfindungen, welche den aus den verschiedensten Lebens-anlässen entstandenen geistigen Lustgefühlen sich beigesellen undsie verstärken, indem sie gleichzeitig dem Bedürfnisse, solche Ge-fühle in geselliger Gemeinschaft zu bethätigen, entgegenkommen.Aber damit dieser Factor überhaupt wirksam werde, musste dieSitte der gemeinsamen Mahlzeit nicht nur entstanden, sondern es