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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die Systematik der Sitte.

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über den eng begrenzten Kreis ihrer individuellen Interessen hinaus-reichen, so kann doch in dieser Rückwirkung höchstens ein Theil-zweck, niemals der volle Zweck der Sitte gesehen werden.

4. Bei den humanen Lebensformen sind Individuenoder Verbände die Subjecte der Verpflichtung; Object der-selben ist die Menschheit, als deren Repräsentant jeder einzelneMensch, ebenso aber auch jede sociale Gemeinschaft gelten kann.Handlungen der Wohlthätigkeit z. B. üben wir als Einzelne, in derGemeinde, im Staate oder in eigens zu diesem Zweck gestiftetenhumanen Vereinen; und wir können sie gegen Individuen, Fami-lien, Gemeinden u. s. w. ausüben, gleichgültig ob diese mituns zur nämlichen Staats- und Volksgemeinschaft gehören oder nicht.

Jene selbstverständliche Thatsache, dass bei allen Formen derSitte die Individuen die letzten Träger derselben bleiben, bringtes mit sich, dass keine der oben unterschiedenen Classen von Lebens-formen gegen die andern scharf abgegrenzt ist. Schon der Natur-mensch baut seine Hütte nicht bloss um sich selbst, sondern umdie Seinen zu schützen. Die Mahlzeit wird ihm nicht selten zueiner gemeinsamen Feier, die dem Cultus der Götter oder der fest-lichen Begehung gemeinsamer Lebensereignisse dient. Der Schmuckder Kleidung erhält seinen Hauptwerth durch das Ansehen, das erin den Augen Anderer seinem Träger verleiht. Anderseits gewinntdas Leben in Familie und Staat seine sichersten Stützen durch dieBefriedigung, die es den Trieben und Bedürfnissen des Einzelnenbietet. Dass überhaupt der Zweck der Gesellschaftsformen nichtin diesen Rückwirkungen auf den Einzelnen sich erschöpft, ist eineWahrheit, die dem Völkerbewusstsein in der Form klarer Erkennt-niss kaum zugänglich ist, die sich aber um so entschiedener in ihmin der Form des Gefühls entwickelt. Denn dies kann nichtzweifelhaft sein, dass die Leistungen, deren schon in frühen Cultur-zuständen der Einzelne für die Seinen und für die Gesammtheit, derer angehört, fähig ist, den Gesichtskreis individueller Interessen weitüberschreiten, um so mehr, als von jener Voraussicht, welche ausder Leistung für Andere die beste Förderung des eigenen Daseinsschliesslich hervorgehen sieht, erst auf einer Stufe der Reflexion dieRede sein kann, von der das primitive Bewusstsein jedenfallsnichts weiss. So bewährt es sich gerade in diesen Wechselbezieh-ungen individueller und socialer Lebensformen, dass das Sittlicheweit früher sich in der Form der sittlichen Thatsachen entwickelt,als es in die Sphäre sittlicher Anschauungen erhoben wird. Die