Die Systematik der Sitte.
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sich vollzieht, sondern immer erst von jenem zurückschauendenStandpunkt der Geschichte aus, welcher weit von einander abliegendeMomente der Entwicklung zu vergleichen vermag. Dazu kommtdass die äusseren Formen des Handelns stets ein noch grösseresBeharrungsvermögen besitzen als die inneren Anschauungen, ausdenen sie ursprünglich hervorgeflossen sind. Darum hier so oftneben der Anpassung an neue Lebenszwecke die Erhaltung über-lebter und völlig zwecklos gewordener Handlungen, aus denendann freilich um so vernehmlicher die Stimme der Vergangen-heit redet.
f. Die Systematik der Sitte.
Von jenen dauernden Lebenszwecken, welchen in ihren ver-schiedenen Entwicklungsperioden unter wechselnden Bedingungen dieSitte dient, wird auch der Versuch einer Systematik der Sitteauszugehen haben. Zunächst können wir daher in diesem Sinneindividuelle und sociale Lebensformen von einander scheiden.Die ersteren begreifen solche Sitten unter sich, in denen lediglichindividuelle Lebenszwecke zur Erfüllung gelangen. Mag der Menschin der Befriedigung seines Nahrungsbedürfnisses, in dem Schutz, dener durch Kleidung und Wohnung gegen das Klima, gegen die Unbilldes Wetters und gegen gefährdende Feinde zu gewinnen sucht, mager in der Ausübung und in dem Genuss seiner Arbeit noch so sehrauf Seinesgleichen, auf die Hülfe die ihm das Zusammenleben mitAndern gewährt angewiesen sein: es bleibt doch der Trieb derSelbsterhaltung der letzte und constanteste, wenn auch nichtder einzige Motor der hierher gehörigen Sitten. An der Grenzezwischen individuellen und socialen Lebensformen liegen die Ver-kehrsformen, die hinsichtlich der Gegenstände auf die sie sichbeziehen bereits alle Merkmale mit den eigentlich socialen Sittentheilen, bei denen aber doch der dominirende Zweck ein indivi-dueller bleibt. Als sociale Lebensformen bezeichnen wir sodannausschliesslich diejenigen, bei denen Zwecke der Gattung odermindestens solche Bedürfnisse in Frage stehen, bei denen die Ver-bindung einer Mehrheit von Individuen nicht bloss Mittel zur Er-reichung individueller Zwecke ist, sondern selbst an dem Zwecketheilnimmt. Hierher gehören die Familie, der Staat und dieGliederung der Gesellschaft in bestimmte, durch mehr oder wenigerbleibende Interessen verbundene Classen und Vereine. Die so-