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Die Sitte und das sittliche Leben.
Auch dies kennzeichnet übrigens die Entstehung der Mode aus derGewohnheit des Einzelnen, dass es sich hier nicht, wie hei den sonstigenMetamorphosen von Sitten und Bräuchen, um einen Vorgang han-delt, der sich langsam und ohne sichtlich nachweisbare Willens-einflüsse vollzieht, sondern um absichtliche Schöpfungen, dieplötzlich ins Leben treten. Darum sind Sitte und Brauch imhöchsten Grade conservativ, während die Mode, diese Halbschwesterdes Brauchs, gerade wegen ihrer Veränderlichkeit sprichwörtlich ist.
Auch die Gewohnheit kann in einer doppelten Form auf-treten: in ihrer regelmässigen Erscheinungsweise ist sie diejenigeindividuelle Art der Lebensführung, die innerhalb der durch Sitteund Brauch gezogenen Grenzen übrig bleibt. Daneben kann sieaber, wenn auch nur ausnahmsweise, als letzter auf wenige Individuenbeschränkter Rest eines ehemaligen Brauches Vorkommen. Für dieSitte kennen wir nur eine Entwicklung: die aus vorangegangenenSitten von verwandtem Inhalt. Brauch, Mode, Gewohnheit bildendagegen ein buntes Gemenge neuer Formen und überlebter Reste derVergangenheit. Umwandlung und Neubildung gehen hier oft ohnedeutliche Grenzen in einander über; eine völlig neu geschaffene Sitteaber gibt es nicht. So ist unter allen diesen Lebensformen dieSitte die beharrlichste. Und doch ist auch sie eine ewig wechselnde;denn fortwährend passen in ihr die vorhandenen Formen neuenLebenszwecken sich an, ein Vorgang der langsam und stetig dieFormen selber verändert.
Mit der Beharrlichkeit der Sitte steht die Unveränderlichkeit derLebensgebiete, auf die sie sich bezieht, im engsten Zusammenhänge.Es sind die constanten Lebensbedürfnisse und Lebensgewohnheiten,deren Regulirung den Normen der Sitte unterstellt ist. Die Nahrung,die Wohnung, das Zusammenleben und der Verkehr der Menschenin Familie und Gesellschaft — dies sind die allen Zeiten undVölkern schliesslich gemeinsamen Objecte der Sitte. Diese Objecteselbst wechseln theils nach den Lebensbedingungen theils nach denLebensanschauungen, und indem die letzteren in den Formen derSitte sich spiegeln, wird dieselbe ebenso zu einem Bild des gesammtenethischen Bewusstseins eines Volkes, wie in den Gewohnheiten einesMenschen sein individueller Charakter zum Ausdruck kommt. Ge-wohnheiten können fortwährend neu sich bilden, weil ihre Träger, dieIndividuen, immer neu entstehen. Die Sitte aber als Volksgewohn-heit ist dauernd wie das Volk selber. Sie ändert sich so allmählich,dass dieser Wandel niemals beobachtet werden kann während er