Das Verhältniss der Sitte zur Gewohnheit und zum Brauche.
133
Einzelnen auf die Sitte. Aber immer noch bleibt dieser ein stär-keres Beharrungsvermögen als dem Rechte und der Sittlichkeit.Die Religionsstifter und moralischen Gesetzgeber der Menschheit habendarum nicht neue Sitten gegründet, sondern theils direct theilsindirect, durch ihren Einfluss auf die sittlichen Anschauungen,auf vorhandene Sitten eingewirkt.
Vermögen wir demnach nirgends das Entstehen einer Sitte ausindividuellen Gewohnheiten nachzuweisen, so ist dagegen das Vor-kommen des umgekehrten Ganges der Entwicklung eine nicht ab-zuleugnende Thatsache. Unsere ganze heutige Cultur ist erfüllt vonBräuchen, die unverständlich gewordene oder ihrer ursprüng-lichen Bedeutung entfremdete und anderen Zwecken dienstbar ge-machte ehemalige Sitten sind. In täglichen Lebensgewohnheiten, inden Spielen der Jugend, im Volksaberglauben dauern solche Sittender Vorzeit fort, und ehe sie ganz verschwinden, ziehen sie sich aufengere und immer engere Kreise zurück, so dass sie mindestens derGrenze nahe kommen, wo der Brauch zur blossen Gewohnheit wird.So ist die regelmässige und jedenfalls die häufigste Entstehung desBrauchs die aus der absterbenden Sitte.
Daneben bleibt nun freilich die umgekehrte Entstehung, dieaufsteigende aus der Gewohnheit immerhin möglich. Aber sie pflegtvon der normalen Ursprungsweise schon dadurch abzuweichen, dassdie so sich bildenden Lebensformen in der Regel von schnell vor-übergehender Art sind. Der Sprachgebrauch unterscheidet sie daherals Moden von den durch ein grösseres Beharrungsvermögen sichauszeichnenden Sitten und Gebräuchen. Dass man begegnendeBekannte grüsst indem man den Hut abnimmt, ist eine Sitte; dassdie Knaben zu ihrer ersten Communion im Hut zur Kirche gehen,ist ein da und dort vorkommender Brauch; ob aber der Hut denman trägt ein Cy linder oder ein breitbrämpiger Filz ist, das istSache der Mode. Auch die Mode lehnt an Sitten und Gebräuchesich an: so ist es eine Sitte, dass wir überhaupt unser Haupt bedecken.Aber in dem besondern Gebiet, das sie sich aus dem weiten Bereichder Sitte auserkoren hat, lässt die Mode der individuellen Willkürden weitesten Spielraum. Eine vornehme Dame oder ein Schneiderkann eine Mode erfinden; an Brauch und Sitte prallt der Versuchdes Einzelnen sie umzugestalten machtlos ab. Darum haftetdie Mode fast ganz an den äusserlichsten, leicht abzuänderndenLebensformen: an der Kleidung, an der Art den Tisch zu deckenoder gewisse Speisen mit der Gabel zu behandeln und dergleichen.