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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
Entstehung
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Die Sitte und das sittliche Lehen.

so manchmal im kleinen ihr zukommt. Doch mag auch alles dieszugegeben werden, der individuelle Einfluss wird darum hier nichtanders zu denken sein als etwa bei der Entstehung der Sprache.Die ursprüngliche Wortschöpfung kann, weil alle Sprache Mit-theilung von Gedanken ist, nicht von einem einzelnen Er-finder, sondern nur von einer Gesammtheit geistig gleich bean-lagter und unter den nämlichen äusseren Bedingungen stehenderWesen ausgegangen sein. Nicht anders verhält es sich mit derSitte, die ja ebenfalls ein aus gemeinsamen Vorstellungen entsprin-gendes gemeinsames Handeln ist. Der Eine mag dies, der Anderejenes zu ihr beigetragen haben, als Ganzes ist sie eine gemeinsameSchöpfung, die sich schon deshalb nicht in individuelle Elementezerlegen lässt, weil die vollkommen gleichzeitige Wirksamkeit jenerindividuellen Factoren es dem Einzelnen unmöglich macht, zu trennenwas aus ihm selber kommt von dem was er Andern verdankt.Gewiss hat der Einfluss hervorragender Geister auch in der Geschichteder Sitte niemals gefehlt. Aber insoweit wir ihn überhaupt nach-weisen können, verschwindet er um so mehr in einer Summe unab-sehbarer Theilkräfte, in je entferntere Vergangenheit wir die Ge-schichte der Sitte zurückverfolgen. Wer möchte leugnen, dass einMoses, Confucius, Buddha auf die Entwicklung nicht bloss der Reli-gion und der Sittlichkeit, sondern auch des äusseren Gewandes derletzteren, der Sitte, weit über die Grenzen ihrer Zeit hinaus ein-gewirkt haben? Aber das Auftreten solcher Menschen von weit-tragender Wirkung ist überall an das Vorhandensein einer ent-wickelteren Cultur geknüpft, und das Verhalten der auf primitiverenStufen verbliebenen Völker spricht nicht dafür, dass hier auch nurinnerhalb eines engeren Kreises individuelle Einflüsse von gleicherBedeutung sich geltend machen. Wie bei dem Wilden die Horden-physiognomie die Entwicklung der individuellen Charakterzüge hemmt,so ist auch der Einfluss des einzelnen Willens auf die Gesammt-heit ein beschränkterer. Denn die Grundbedingung des persön-lichen Einflusses bleibt ein gewisser Grad socialer Freiheit, welcherdie Entfaltung individueller Anschauungen gestattet. Die Freiheitaber ist ganz und gar eine Errungenschaft der Cultur. Die historischeWirklichkeit bietet daher ein Bild, das auch hier zu den Fic-tionen der Theorie im diametralen Gegensätze steht. Nur langsamgewinnt im Laufe der Zeiten gegenüber der anfangs alleinherr-schenden Sitte das Gebiet der individuellen Gewohnheiten einenfreieren Spielraum, und entsprechend erweitert sich der Einfluss des