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Die Sitte und das sittliche Leben.
willkürlichen, keiner zwingenden Regel unterstellten Charakterder Gewohnheit. Der Brauch dagegen, zusammenhängend mit demZeitwort „brauchen“ (mittelhochd. brüchen), ist mit dem lateinischeni'ructus übereinstimmenden Ursprungs. Das Brauchbare ist das Nütz-liche. Dieses aber ist ein objectiverer Begriff als das Wohlgefällige.Das Nützliche will Jeder, und je übereinstimmender und einfacherdie Lebensbedürfnisse sind, um so gleichförmiger ist das Urtheilüber den Nutzen. Darum bildet die Sprache aus dem der gemeinsammit uns geniesst den Begriff des Genossen. In analogem Sinnelässt sich wohl der Brauch deuten als eine Uebung, an der Alletheilnehmen, weil sie Allen nützlich scheint. Zu den frühestenBräuchen gehören aber jene Cultusgebräuche, durch die der Menschseine Götter günstig zu stimmen oder zu versöhnen hofft. Undhier liegt auch bereits die Grenze des Uebergangs zur Sitte. WasJedem nützlich scheint, das wird, sobald die Unterlassung Allennachtheilig zu werden droht, zur Satzung. Es wird festgesetzt,dass Jeder es thun muss. So bringt die Sprache die Sitte in un-mittelbare Beziehung zu dem Gesetze.
Es ist ehr nahe liegender Gedanke, dieses logische Verhält-niss der drei Begriffe Gewohnheit, Brauch und Sitte in eine zeit-liche Aufeinanderfolge umzuwandeln. Die individuelle Gewohnheitfindet zunächst, so nimmt man an, Nachahmer; dann bemächtigensich ihrer irgend welche Nützlichkeitszwecke die sie befriedigt:dadurch gewinnt sie einen verpflichtenden Charakter, der sich, jeverbreiteter und dauernder sie wird, immer mehr befestigt*). Soeinleuchtend aber auch diese psychologische Reconstruction erscheinenmag, so ist doch ihr gegenüber daran festzuhalten, dass hier nichtdas psychologisch Mögliche sondern das historisch Wirk-liche entscheidet. Gewiss können wir in der Entwicklungsgeschichteder Sitte der psychologischen Interpretation nicht entbehren. Aberdiese kann immer erst der historischen Reconstruction nachfolgen,
*) Ygl. Jhering, Zweck im Recht, II, S. 242 ff. Dieser Entstehungs-weise der Sitte, die er die secundäre nennt, stellt allerdings Jhering S. 244eine originäre Entstehungsweise gegenüber, wobei sie „als solche zur Weltkomme, das Moment des social Verpflichtenden von Anfang an in sich trage.“Aber er bemerkt zugleich, die letztere Form biete in wissenschaftlicher Be-ziehung kein Interesse dar, und er zieht sie daher nicht weiter in Betracht.Dennoch führen, wie schon oben gezeigt worden ist, die sämmtlichen Beispiele„secundärer Sitte“, die Jhering erörtert, auf originäre Sitten zurück. Vgl.das S. 115 ff. über die Leiehenschmäuse, das Zutrinken und die TrinkgelderBemerkte.