Das Verhältnis der Sitte zur Gewohnheit und zum Brauche.
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grossere oder geringere Grad dieses Zwangs oder, was damit mei-stens Hand in Hand geht, die weitere oder engere Verbreitung, dieuns bei der Trennung von Sitte und Brauch leitet. Die Sitte hatihren Sitz im V o 1 k e, der Brauch in der Familie und Gemeinde.Denn in je weiterem Kreise sich ein gewohnheitsmässiges Handelnbethätigt, um so grösser wird die Macht, mit der es den Einzel-willen lenkt. Während daher die individuelle Gewohnheit, so langsie nicht mit jenen umfassenderen Regeln in Conflict geräth, ganzund gar der freien Wahl überlassen bleibt, übt schon der Brauchdurch das Beispiel das er gibt einen thatsächlichen Zwang aus,der sich bei der Sitte zur zwingenden Norm steigert.
Nicht immer wohnt den Urbedeutungen der Wörter eine klareBeziehung inne zu demjenigen Sinn, welchen wir heute mitihnen verbinden. Der Bedeutungswechsel bringt es mit sich, dasssich nicht nur die Begriffsgrenzen mannigfach verschieben, sonderndass sogar gelegentlich Wörter ihre Bedeutungen tauschen. So hatdenn auch die lateinische Sprache ihr Wort für Gewohnheit, con-suetudo, der nämlichen Wurzel entlehnt, der unser „Sitte“ ent-stammt, und in dem griechischen effoe fliessen beide Begriffe nochvollständig zusammen*). Injmerhin aber kann man, nachdem sicheinmal die Begriffe geschieden haben, in den Grundbedeutungen,von denen unsere deutschen Wortbezeichnungen ausgehen, Anklängean die einem jeden eigenthümlichen Merkmale erblicken. Die Ge-wohnheit hängt mit der Wohnung und gleich dieser mit einerWurzel zusammen, deren Bedeutung sich in unserm Wort „Wonne“noch erhalten hat. Wie Jeder seine eigene Wohnung nach seinemGefallen einrichtet, so ist Gewohnheit die Art und Weise, an derer innerhalb seiner individuellen Lebenssphäre Gefallen findet**).Darin liegt ein Hinweis sowohl auf den subjectiven wie auf den
*) Die in ihrem Ursprung identischen Wörter sanskr. svadha, goth. sidus,griech. sffo;, lat. suetus entsprechen sämmtlich dem allgemeineren Begriff derGewohnheit, sodann dem der Sitte, insofern derselbe dem ersteren unter-geordnet ist. Sie führen, wie man annimmt, auf den Pronominalstamm svaund auf die Wurzel dha in der Bedeutung setzen, thun zurück. Sva-dhawürde demnach „das zu eigen Gemachte“ bezeichnen, eine Grundbe-deutung, welche offenbar auf den Einzelnen ebenso wie auf eine Gesammtheitbezogen werden kann. Vgl. Curtius', Gr. Etym., 5. Auf!., S. 251.
**) „Wohnung“ und „Wonne“, goth. „wunan“ sich freuen, leitet man vonder indog. Wurzel „wen“ oder „wan“ her, welche die nämliche Grundbedeutunghat. Vgl. Kluge, Etymol. Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 377 u. 378.
Wundt, Ethik. 2. Aufl. 9