Die Zweckmetamorphosen der Sitte.
123
Opfercultus zum Ausdruck gelangende Streben die Huld der Götterzu gewinnen die Scheu vor dem Mord des eigenen Kindes erst über-wunden, so konnten nun dieselben Motive, die auch sonst dazuführten selbst von dem Opfer zu essen, die Verzehrung des Kindesveranlassen, eine Handlung, mit der sich dann leicht die weitereVorstellung von der Aneignung der Seele des verspeisten Opfersverband. Dass dieser Gedanke, nachdem er auf solchem Wege ent-standen war, schliesslich die Fortdauer dieser scheusslichsten Formdes Kannibalismus bewirken konnte, ist nach Analogie der frühererwähnten Metamorphosen der Sitte gewiss nicht unmöglich. Dasssolche Erscheinungen nicht Rudimente, wie dies die Bevorzugungdes Erstgeborenen andeutet, sondern ursprüngliche Formen der Sitteseien, würde aber doch nur dann einigermassen wahrscheinlich, wennetwa die Verspeisung der Jungen eine bei den höheren Tliieren ver-breitete Gewohnheit wäre. Sollen wir annehmen, dass jener Triebder Mutterliebe, der die Brut des Thieres gegen den Hunger seinerErzeuger schützt, dem Menschen ursprünglich gefehlt habe? Esmüssen starke Motive, zwingendere selbst als die Notli des eigenenDaseins gewesen sein, welche den Menschen zur Verleugnung dermächtigsten natürlichen Triebe veranlassten. Keine Motive gibtes aber, die, wie die Erfahrung lehrt, mit den Wirkungen es auf-nehmen könnten, welche der Cultus und die an ihn geknüpftenabergläubischen Vorstellungen auf den Naturmenschen ausüben. Nunmuss freilich der Cultus selbst irgend einmal entstanden sein. Dochdieser Entstehungsmoment entzieht sich völlig unserer heutigenBeobachtung. Schon der primitivste Seelencult führt, ausgehendvon den Speisen die man den Verstorbenen spendet, von selbst zuder Opferhandlung. Diese Ursprünglichkeit des Cultus, die in denfrühesten Zeugnissen der Sprache bereits anklingt, ist es eben, diemit der Sitte, durch die sich der Mensch in den Formen seinesLebens über die Stufe des Thieres erhebt, Unsitten, in denen erunter jene Stufe herabsinkt, aus der nämlichen Quelle entspringenlässt *).
Ist der Cultus theils direct theils durch die Vermittlung ur-sprünglicher Rechtsanschauungen im allgemeinen die letzte Quelle,auf die sich empirisch die Sitte zurückverfolgen lässt, so wird aber
*) Vgl. hierzu noch Lippert a. a. 0. S. 171 ff., wo ein weiteres Bei-spiel dieser Umkehrung der, wie ich glaube, naturgemässen Entstehung einerSitte mit Bezug auf ihr Verhältniss zum Cultus vorkommt.