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Die Sitte und das sittliche Leben.
same Lebensgewohnheiten nicht gefehlt haben. Sollten aber solcheGewohnheiten nicht ihrerseits für den beginnenden religiösen Cultusbestimmend gewesen sein? Dann wäre durch den letzteren vielleichtnur sanctionirt und in die Form bestimmter Vorstellungen über-tragen worden, was ohnehin schon unter dem Zwang irgend welcheräusserer Lebensbedürfnisse in allgemeiner Uebung stand. So Hessees sich z. B. denken, jene weit verbreitete Sitte, den Fremdling dendas gastliche Dach beherbergt als gegen jegliche Art der Unbillgeschützt zu betrachten, sei zuerst durch das dringende Gebot derNoth entstanden, und unter dem Einflüsse der allmählichen Aus-breitung des Göttercultus habe sich dann dieses Gebot hinter derreligiösen Deutung die es nun erfahren verborgen.
In der That findet man diese Auffassung in manchen Unter-suchungen über Cultur- und Religionsgeschichte. So wird die nochjetzt zum Theil bei den Wilden Australiens und Oceaniens verbreiteteSitte des Kind er morde s aus dem Bedürfniss abgeleitet, die Grösseder Bevölkerung dem vorhandenen Vorrath an Lebensmitteln anzu-passen, wozu als Nebenmotiv zuweilen der Wunsch trete, der Mühefür die Erfüllung der ersten Mutterpflichten enthoben zu sein. Diealler Anthropophagie zu Grunde liegende Vorstellung, dass mit demFleisch und Blut des Getödteten auch dessen Seele aufgenommenwerde, habe dann zur scheusslichen Sitte der Verzehrung der er-mordeten Kinder geführt. Nachdem das Opfermahl entstanden, habesich hierzu von selbst die Vorstellung gesellt, auch von dieser Speisesei den Göttern ihr Antheil zu spenden, und so sei das Kindesopferein Gegenstand des religiösen Cultus geworden*). Es lässt sich,wie ich glaube, nicht verkennen, dass die Neigung, die heute be-stehenden oder die uns heute vorzugsweise verständlichen Motiveeiner Sitte für die ursprünglichen anzusehen, auch diese Entstehungs-hypothese geleitet hat. Dass jene Sitte selbst da wo ihr heute derreligiöse Hintergrund ganz zu fehlen scheint vorzugsweise den Erst-geborenen trifft, ist aber eine Thatsache, die sich nicht aus demGebot der Noth, das vielmehr den später Geborenen verderblichwerden müsste, sondern aus der auch sonst den Opfercultus be-herrschenden Vorstellung erklärt, dass diejenige Gabe die dem Men-schen die liebste ist auch den Göttern am meisten gefalle. So bringtder Ackerbauer die Erstlinge des Feldes, der Nomade die bestenStücke des geschlachteten Viehs den Göttern dar. Hatte das im
*) Lippert, Die Geschichte der Familie, S. 196 ff.