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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die Zweckmetamorphosen der Sitte.

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Auch noch in einer anderen Beziehung ist aber hier die Sittein ihr Gegentheil umgeschlagen: während der Trunk vom Wirthdem Gaste gereicht wird, nimmt umgekehrt der Bedienstete desWirths, etwa der Kellner der dem Gaste den Trunk reicht, dasTrinkgeld in Empfang. Angesichts dieser Umwandlungen ist esnicht zu verwundern, dass man, auf die zuletzt erworbene Bedeutungblickend, das Trinkgeld für eine zur Unsitte gewordene Abart desLohnes zu halten pflegt und es in diesem Sinne auf eine ursprüng-lich freie Gabe Einzelner zurückführt, welche allmählich zur all-gemeinen Gewohnheit geworden sei*). Schon das Wort Trinkgeldenthält aber hier unverkennbar den Hinweis auf die ursprünglicheForm, den Trunk, durch deren Ablösung diese eigenthümliche Ab-art des Lohnes entstanden ist**).

Es wird an den aufgeführten Beispielen genügen, um denProcess der Transformation dereinstiger Cultushandlungen in Sittenvon völlig heterogenem Inhalt im allgemeinen zu veranschaulichen.Weitere und ethisch bedeutsamere Zeugnisse des nämlichen Pro-cesses werden wir unten, bei der Erörterung der hauptsächlichstenunter der Obhut der Sitte stehenden individuellen und socialen Lebens-formen, kennen lernen. Gesetzt nun aber auch, es Hessen sichwas selbstverständlich immer nur annähernd möglich sein wirdalle Sitten, die überhaupt eine grössere geschichtliche Vergangenheithinter sich haben, auf diese religiöse Wurzel zurückfuhren, so bleibtdoch immer noch die Frage eine offene, ob damit der erste Ur-sprung der Sitte aufgedeckt sei. Musste doch auch die Götter-verehrung aus weiter zurückliegenden Bedingungen sich entwickeln.Und wenn es eine Zeit gab, in welcher der Mensch ohne Religionund ohne Oultus lebte, so werden auch einer solchen Zeit gemein-

*) Jhering a. a. 0. S. 246.

**) In einfachen ländlichen Verhältnissen kommt der Trunk namentlichals Botenlohn, z. B. für den Ausläufer des Kaufmanns der eine Waare über-bringt, den Fuhrmann der den Holzvorrath für den Winter einfährt, nicht ganzselten vor. In der Schweiz ist er, wie ich beobachtet habe, in dieser Formsogar in den Städten zu finden. Nur darin hat auch hier die neue Gewohnheitihren Einfluss ausgeübt, dass der Empfänger, nachdem er am Trunk sich ge-labt, gelegentlich auch noch ein Trinkgeld verlangt eine interessante Cumulationder ursprünglichen Naturalleistung und ihrer Ablösung, welche zeigt, dass dieim Namen noch erhaltene Entstehung der Sitte selbst da dem Gedächtniss ent-schwunden ist, wo die ursprüngliche Form erhalten blieb. Freilich mag indiesem Fall das Interesse der Trinkgeldnehmer etwas zu diesem Vergessen bei-getragen haben.