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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die Zweckmetamorphosen der Sitte.

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Aus der nämlichen Quelle ist wahrscheinlich noch eine anderein ihrer heutigen Erscheinungsform von der vorigen weit abliegendeSitte hervorgegangen, die Sitte des Trinkgeldgebens. Wie dergemeinsame Trunk beim Gastmahle als ein Symbol des Friedensund der Freundschaft, so galt der Vorzeit das dem Gastfreund beimBesuch dargebrachte Mahl als Zeichen des Willkomms. Bald istes der gereichte Trunk bald das Salz und das Brod, die als stell-vertretende Symbole der Nahrung überhaupt gelten, durch die manden Fremdling sinnbildlich einlädt, den Tisch mit den Hausgenossenzu theilen. Tischgemeinschaft ist aber der Vorzeit gleichbedeutendmit Opfergemeinschaft. Den Gastfreund zu verletzen, den dergleichsam im Angesicht der Götter geschlossene Opferbund geheiligt,gilt als eine schwere Schuld gegen die Götter selbst. Auch hier istdiese symbolische wohl aus einer ursprünglich sinnlichen Bedeutunghervorgegangen, die dem beim Willkomm gemeinsam genossenenTrunk beigelegt wurde; und auch hier ist zuerst die sinnliche unddann die symbolische Bedeutung allmählich verblasst. Im gleichenMasse als auf solche Weise der ursprüngliche Zweck der Sitte ver-schwand, hat aber diese sich neue Zwecke dienstbar gemacht oderwas einst Nebenzweck war in den hauptsächlichen Zweck verwandelt.Durch den gereichten Trunk den das Haus Betretenden zu erquicken,galt einer späteren Zeit weder als religiöses Symbol noch als Zeichendes Schutzes, sondern wurde gegen den Fremden eine Handlungder Humanität, gegen den Bekannten ein Act wohlwollender Rück-sicht, bei dem man die Gegenleistung in ähnlichen Fällen erwartete.In dieser Form hat die Sitte noch in einer nicht fern liegendenVergangenheit bestanden. Ja noch heute ist da und dort unter ein-facheren ländlichen Verhältnissen das Bedürfniss ihrer Erhaltungbestehen geblieben. Wenn der Besuch den man empfängt weiteEntfernungen zurückzulegen hat, so wird die Bewirthung mit Speiseund Trank zum Bedürfniss. Rücken die Wohnungen der Gastfreundenäher zusammen, so wird sie bei gelegentlichen Besuchen nur nochals ein Act der Freundlichkeit beibehalten. Auch das Dargereichteändert sich dementsprechend; schliesslich bleibt allein der von unsernVoreltern so sehr geschätzte Trunk übrig, zu dessen Genüsse mansich jederzeit aufgelegt fühlte. Als der städtische Verkehr endlichdie Bewirthung der Besuchenden mehr und mehr zu einer für Geberund Empfänger unbequemen Last machte, schränkte man dengereichten Trunk auf den Handwerker ein, der bei seiner Arbeitder Stärkung bedurfte, auf den eine Botschaft überbringenden