jjg Die Sitte und das sittliche Leben.
der letzteren Form schliesst heute noch der Indianer und Neger denBund der Blutsbrüderschaft. Eine milder gewordene Zeit hat aberfrühe schon als stellvertretendes Symbol den Trunk aus dem näm-lichen Becher eingeführt, wobei freilich die Ceremonie mit ihremblutigen Ernste zugleich viel von ihrer ursprünglichen Bedeutungverlor. Der Brüderschaftstrunk beschränkte sich bald nicht mehrauf den Einzelnen, sondern er verband leicht alle Genossen einesGastmahls, zwischen denen von Hand zu Hand der Becher kreiste.So ermässigte sich das Symbol zuerst zum Zeichen der Freundschaft,um schliesslich ein blosses Ausdrucksmittel geselliger Aufmerksam-keit zu werden. Als der Becher nicht mehr von Mund zu Mundkreiste, sondern die üppiger gewordene Zeit Jedem sein eigenes Trink-glas in die Hand gab, deutete man den gemeinsamen Trunk aus dem-selben Becher durch das Anstossen der Gläser an, und der Brüder-schaftstrunk zwischen zwei einzelnen Zecligenossen wurde nun durchdas Zutrinken ersetzt. Sicherlich ist bei der ersten Entstehung dieserGebräuche die Erinnerung an die lebendigeren Formen die durchsie verdrängt wurden noch vorhanden gewesen. Heute sind sieihrem Ursprung völlig entrückt, und das einzige, was sie noch mitdemselben gemein haben ist das allgemeine Gefühl wohlwollenderGesinnung. Dass an die Stelle dieses immerhin dem Ursprung derSitte verwandten Motivs gelegentlich auch einmal ein völlig heterogenerZweck treten konnte, wer möchte dies leugnen? So wenn derasiatische Despot zuerst seinen Mundschenk aus dem kredenztenBecher trinken lässt, um sich selbst vor Vergiftung zu sichern, oderwenn er, um einer ähnlichen Besorgniss des Gastfreundes zuvorzu-kommen, aus dem diesem dargereichten Becher zuerst kostet. DemGesichtskreis unserer heutigen Anschauungen liegt möglicher Weisesogar dieser Zweck näher als die längst vergessene Ceremonie desgemeinsamen Trankopfers und der Schliessung einer Blutsbruder-schaft. Wenn man daher vom Standpunkt der uns heute möglicherscheinenden Zwecke aus nach einer Ursache jener uralten Bräuchesucht, so wird man wahrscheinlich auf das Beispiel des misstrauischenDespoten am ehesten verfallen *). Dennoch ist wenig Wahr-scheinlichkeit, dass die heute bei uns bestehende Sitte aus jenerabnormen Abzweigung des ursprünglichen Brauchs und nicht viel-mehr aus diesem selbst hervorgegangen sei, da sie, so fern sie ihmauch sonst sein mag, doch gleichartige Gefühle mit ihm gemein hat.
*) So in der That Jhering a. a. 0. S. 248.