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Die Sitte und das sittliche Leben.
ein Privileg der Wohlhabenden, und der reiche Bauer pflegt Werthdarauf zu legen, dass man an der Grösse dieser Leistung die Stattlich-keit seines Besitzes ermesse. Aber wie viel oder wie wenig Wahrheitjene Erklärung vom heutigen Standpunkte der Auffassung der Sitteaus enthalten möge, von dem Ursprung der letzteren liegt sieganz gewiss weit ab. Wie sollte auch eine Sitte, die so verbreitetbei Natur- und Culturvölkern vorkommt, dass sie überall zu denfrühesten menschlichen Lebensgewohnheiten zu gehören scheint, auseiner solchen zwar unter gewissen Verhältnissen begreiflichen, aberdoch immerhin particulären Erwägung entspringen? Wo wir denLeichenschmaus in seinen ursprünglichen lebensvolleren Formen an-treffen, da ist derselbe eng umwoben von andern religiösen Cultus-handlungen, denn er bildet einen wesentlichen Bestandtheil desTodtencultus. Wenn heute auf deutschen Dörfern das Leichen-mahl eine weltliche Feier geworden ist, die mit den kirchlichenGebräuchen bei den Begräbnissen nichts mehr zu thun hat, so wardas anders bei unsern germanischen Voreltern. Der Leiche selbstgab man ausser Schmuck und Waffen Speisen und Getränke mit;und wie es bei manchen Naturvölkern noch heute geschieht, sowurde von den Hinterbliebenen am Orte der Bestattung selbstdas Todtenessen gehalten.
So treten uns denn ursprünglich zwei Motive als die Trägerdieser Sitte entgegen. Das Todtenmahl in seiner frühesten Gestaltist ein Opfer mahl. Wie bei jedem wichtigen Lebensacte, soopfert der primitive Mensch vor allem auch bei der Bestattung einesStammesgenossen den Göttern. Theils wünscht er die Huld der-selben für die Verstorbenen zu gewinnen, theils aber — und diesist wohl die noch ältere Vorstellung — ist der Abgeschiedene selbstein Gegenstand des Cultus: die Seelen der Todten umschweben alsSchutzgeister, unter Umständen aber auch als unheilbringendeSchatten die Wohnstätten der Lebenden; symbolische Handlungen,die auf ihre Verehrung oder Versöhnung Bezug haben, nehmendaher überall im ursprünglichen Cultus eine wichtige Stelle ein.Ein zweites, wohl späteres Motiv, welches aber selbst an dieStelle dieses einstigen Todtencultus allmählich getreten sein mag,liegt in der religiös - symbolischen Bedeutung der gemeinsamgenossenen Mahlzeit. Der gemeinsame Genuss von Nahrung undGetränk ist für den Naturmenschen, namentlich dann wenn es infeierlicher Weise, gewissermassen unter der Assistenz der Göttergeschieht, ein religiöses Symbol der Verbrüderung. Der Wunsch