Die Zweckmetamorphosen der Sitte.
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macht. Wie aber die Sitte an sich keineswegs immer eine gutesein muss, so wird auch bald von gleichgültigen bald sogar vonunsittlichen Zwecken die ihrer einstigen Bedeutung entfremdeteLebensgewohnheit in Beschlag genommen. Das Streben der Sitte,nach Verlust ihres ursprünglichen Inhaltes in neuen Gestaltungenweiterzuleben, erleichtert die Entstehung der verschiedenartigstenZwecke. Wenn die sittliche Entwicklung schliesslich doch ausjenem Gesetz des Beharrens in der Veränderung die Hauptvortheilezieht, so ist darum nicht diesem Gesetz das Verdienst beizumessen,sondern allein den in der sittlichen Entwicklung selbst sich äus-sernden Kräften.
Es wird die Aufgabe der folgenden Darstellung sein, aus demreichen Stoff der Sittengeschichte die hauptsächlichsten Momentehervorzuheben, in denen die ethisch werthvollen Wirkungen derTransformation der Sitte zum Ausdruck gelangen. Es mag daherhier genügen zunächst diese selbst an einigen Beispielen zu veran-schaulichen, die ich absichtlich dem Bereich ethisch gleichgültigererGewohnheiten entnehme, indem ich sie zugleich so wähle, dass ihreheutigen Zwecke von den ursprünglichen möglichst weit abliegen.
Man hat die bei fast allen Culturvölkern verbreitete und einemfeineren sittlichen Gefühl sicherlich widerstrebende Sitte der Leichen-schmäuse daraus erklärt, dass die Hinterbliebenen um ein zahl-reiches Leichengefolge anzulocken den sich einfindenden Gästen alsEntschädigung ihrer Mühe ein Gastmahl dargeboten hätten. Zuerstfreiwillig gegeben, sei dieses dann von den Empfangenden gefordertworden, so dass, als das ursprüngliche Motiv in Wegfall gekommenwar, das selbstsüchtige Interesse der gleichgültigen Theilnehmer dieSitte am Leben erhalteu habe. Diese sei auf solche Weise auseiner von dem Einzelnen freiwillig gebotenen Leistung zu einer vonder Gesammtheit erzwungenen und für den ersten Urheber der Ge-wohnheit. den Leidtragenden, lästigen Pflicht geworden*). Esscheint mir nicht unwahrscheinlich, dass diese Erklärung wirklichdie Motive trifft, die in manchen Bevölkerungskreisen zur Erhaltungder Sitte beitragen, obgleich da, wo das Trauergefolge auf die Er-langung des Leichemnahls Werth legt, auch wohl die Leidtragendennicht ganz selten sind, die durch den Glanz. den ein stattlich her-gerichtetes Mahl verbreitet, ihre Trauer zu ermässigen wissen.Denn wo die Leichenschmäuse bestehen blieben, da sind sie zunächst
*) Jhering, Zweck im Recht, II, S. 244.