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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die Sitte und das sittliche Leben.

giösen Rechtsgebiets kommt nur um so reiner zur Geltung, jemehr auch die Strafgewalt der Kirche eine bloss innerliche ge-worden ist, die die Gewissen trifft. Der erste Schritt hierzu bestehtdarin, dass sie sich auf jenes Reich zukünftiger Hoffnungen zurück-zieht, dem, so lange das eigennützige Interesse vorwaltet, in derAuffassung der Religion der grösste Einfluss auf die Befolgung derreligiösen Gebote zukommt.

c. Die Zweekmetamorphosen der Sitte.

Wenn nun auch die religiösen Normen selbst dem Machtbereichder Sitte entzogen bleiben, so erhalten sich um so sicherer in dieserjene Rudimente früherer Cultushandlungen, die sie theils neuenZwecken dienstbar gemacht hat, theils aber als zwecklose oderlediglich der spielenden Unterhaltung dienende Gewohnheiten weiterführt. Auf solche Weise ist noch unser heutiges Leben überall vonden Resten längst vergangener Culte erfüllt, die, indem sie den ver-änderten Lebensbedingungen entsprechend neue Gedanken in sichaufnahmen, die Verwandlungsfähigkeit der organischen Lebens-formen auf geistigem Gebiet nur in unendlich gesteigerter Gestaltzu wiederholen scheinen. Freilich fehlt es unter diesen Ueberleb-nissen auch nicht an Versteinerungen, an abgestorbenen Restenfrüherer Lebensformen, die ihre Erhaltung einzig und alleinjener Macht des Beharrens verdanken, der unsere Vorstellungenähnlich unterworfen sind wie die Körper der äussern Natur. Be-trachten wir die Resultate solcher Verwandlungen losgelöst vonihrer geschichtlichen Vergangenheit, so werden wir leicht verführtsie in den Gesichtskreis unserer heutigen Erfahrungen einzuschränkenund ihnen die Zwecke, die sie allenfalls heute erfüllen oder auchnur erfüllen könnten, als Ursachen ihrer Entstehung unter-zuschieben. Dabei entgeht uns gerade das für alle geistige Ent-wicklung und insbesondere für die sittliche überaus wichtige Gesetzder Vorbereitung neuer Lebenszwecke durch bereitsvorhandene, aber ursprünglich andern Zwecken die-nende Formen des Handelns. Auch hier bietet wieder derBedeutungswandel der Wörter das Beispiel eines analogen und ver-deutlichenden Processes. Indem ein neuer Begriff das geeigneteWort, das nur einer geringen Verschiebung seiner Bedeutung bedarfum ihm dienstbar zu werden, bereits vorfindet, wird die Begriffs-bildung selber erleichtert, ja vielleicht überhaupt erst möglich ge-