Instinct und Sitte.
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Instincte die Analoga menschlicher Sitten nennen, so treffen schliess-lich auch darin beide zusammen, dass der allgemeinste Inhalt derZwecke, denen sie dienen, ein übereinstimmender ist. Es gibt in-dividuelle und sociale Instincte. Die ersteren, getragen vomverbreitetsten und dauerndsten der organischen Triebe, dem Nah-rungstrieb, dienen der Erhaltung und dem Schutzbedürfniss desEinzelwesens; die letzteren, deren wichtigster Regulator der Ge-schlechtstrieb ist, dienen dem Schutze und der Erhaltung der Gat-tung — ein Zweck, der freilich in der mannigfaltigsten Weise, meistfördernd, in manchen Eällen aber auch störend, auf das individuelleDasein zurückwirken kann. Aehnlich enthält die Sitte, obgleich sieimmer eine gemeinsame Norm des Handelns ist, theils individuelletheils sociale Zwecke, und im letzten Grunde ist es auch bei ihrein bald beschränkteres bald allgemeineres Schutzbedürfniss, vondem sie getragen und, wenn der ursprüngliche Zweck untergegangenist, in meist veränderten Formen am Leben erhalten wird. Nursind die Zwecke der Sitte unendlich vielgestaltiger geworden, undsie haben, der Vergeistigung der gesammten Lebensgeschichte derArt entsprechend, den ganzen Inhalt auch der höheren Lebenszweckein sich aufgenommen; ja, nachdem die unveräusserlichsten Zweckedes Einzelnen und der Gesammtheit von dem Rechte, dieser ausder Sitte allmählich hervorgegangenen zwingenderen Lebensnorm,in Besitz genommen sind, bleiben es vorzugsweise die freieren undrein geistigen Interessen des Lebens, auf die sich das Gebiet derSitte beschränkt.
Die Vermuthung liegt nahe, dass eben dieses Schutzbedürfniss,welches durch die Sitte erfüllt wird, und welches mindestens invielen Fällen ihre Erhaltung bewirkt, zugleich' die Ursache ihrerEntstehung sei. Wenn die Art wie wir essen und wie wir unskleiden, so weit sie auch von den primitivsten Formen der Nahrungund Kleidung entfernt sein mag, doch für die Befriedigung unsererheutigen Lebensbedürfnisse im allgemeinen die zweckmässigsteist; oder wenn, um einige der geistigen Seite der Sitte angehörendeBeispiele zu wählen, die Tracht des Trauernden, des Geistlichen unddes Richters, der Anstand des Benehmens, die Höflichkeit im Um-gang mit Andern und selbst die manchmal lästigen Formen derEtikette dem Einzelnen wie der Gesellschaft einen wirksamen Schutzgegen die Aeusserungen der Rohheit und brutalen Selbstsucht ge-währen: sollte dann nicht eben das Bedürfniss einen solchen Schutzzu errichten auch den Ursprung aller dieser Sitten veranlasst haben?