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Ethik : eine Untersuchung der Thatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens
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Die Sitte und das sittliche Leben.

Denn als Sitte gilt uns jede Norm des willkürlichen Handelns,die in einer Volks- oder Stannnesgemeinscliaft sich ausgebildet hat.Die Sitte mag noch so strenge die Handlungen des Einzelnen über-wachen, sie lässt diesem doch immer die Wahl frei sich ihren Vor-schriften zu entziehen. Beim thierischen Instinct sind es im Gegen-sätze hierzu eindeutig bestimmende, einfache Motive, welche denWillen lenken, so dass die Freiheit der Wahl hinwegfällt oder dochauf den engsten Raum individueller Gewohnheiten beschränkt bleibt.Darum hat der Mensch zwar die Gewohnheit mit dem Thieregemein, aber die Sitte ist menschliches Vorrecht. Und sie ist eszugleich, die jenes Princip der Freiheit, dessen sich im Bereich derGewohnheit auch das thierische Bewusstsein erfreut, auf das Ge-sammtbewusstsein der Gesellschaft hinüberträgt. Dies ist aber dienaturgemässe Folge der Erweiterung des Bewusstseins über dieGrenzen des individuellen Lebens. Sitte und Instinct, beide sindursprünglich aus individuellen Gewohnheiten hervorgewachsen. Aberwährend der Instinct die Wirkungen der Gewohnheiten zahlloserGenerationen nur in der Form mechanisch gewordener und darumbewusstlos sich vollziehender Bewegungen enthält, sind in der Sittedie ständig gewordenen Gewohnheiten der menschlichen Gattung undihrer Gliederungen als bewusst wirkende Motive erhalten geblieben:der Instinct ist mechanisch gewordene, die Sitte ist generellgewordene Gewohnheit des Handelns. In dem Instinct hat sich dieanfangs mit Bewusstsein geübte Gewohnheit in bewusstloses Thunverwandelt; in der Sitte ist sie sammt ihren Motiven in ein all-gemeineres Bewusstsein übergegangen. Jene Verwandlung des Gei-stigen in das Mechanische fehlt freilich auch dem Menschen nicht.Darum ist ihm der Instinct mit dem Thiere gemein, und nament-lich im Gebiet der Sitte mangelt es nicht an instinctivem Thun.Aber die Entwicklung der Sitte setzt Geschichte voraus Ge-schichte nicht im Sinne einer ausserhalb der Erscheinungen vorsich gehenden Herstellung ihres Zusammenhangs, sondern in demursprünglichen eines sich selbst dieses Zusammenhangs bewusstenGeschehens. Wie die Vielheit der Motive und die mit ihr ver-bundene Freiheit der Wahl nach der Seite des Willens, sobezeichnet die Verbindung des individuellen mit dem all-gemeinen Denken nach der Seite des Bewusstseins die Schrankezwischen Mensch und Thier.

Können wir aber trotz dieser wesentlichen Unterschiede mitRücksicht auf ihren Ursprung wie auf ihre Erfolge die thierischen