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Die Sitte und das sittliche Leben.
Doch gerade hier kommt jene Bemerkung zur Geltung, die unsoben hei der Hervorhebung der Analogie zwischen Instinct undSitte entgegentrat. Die vollendetste Zweckerfüllung verbürgt nochnicht die Identität von Zweck und Motiv. In der That, die Ge-schichte der Sitte bildet eines der merkwürdigsten Beispiele derursprünglichen Incongruenz beider. Indern sie zeigt, dass fast alleund insbesondere alle bedeutsameren Lebensformen auf eine demspäteren Bewusstsein entschwindende religiöse Wurzel zurück-führen , lehrt sie zugleich, dass die Selbsterziehung des Menschenzu Sitte und Sittlichkeit mit der Entwicklung des religiösen Cultusbeginnt.
b. Der religiöse Ursprung der Sitte.
Wo immer es möglich ist eine Sitte in die Nähe ihres Ur-sprungs zurückzuverfolgen, da führt dieser auf Vorstellungen,die zumeist von den späteren Motiven weit verschieden sind. Inder überwiegenden Mehrzahl der Fälle scheinen aber religiöseVorstellungen die letzten Quellen zu sein, aus denen die Sittegeflossen ist. Sie erscheint dann als eine Cultusliandlung, undihre verpflichtende Kraft verdankt sie theils der Gemeinsamkeit desCultus theils der Wichtigkeit, die diesem vermöge seines Einflussesauf die Gunst oder Ungunst der Götter für das Wohl Aller bei-gelegt wird.
Diese Beziehung zum Cultus geräth nun in den späteren Ge-staltungen der Sitte fast regelmässig in Vergessenheit. Nicht nurin den Sitten der Culturvölker ist sie höchstens in schwachen An-klängen erhalten geblieben, die manchmal erst durch die Ver-gleichung mit ihren lebendigeren Urbildern zu einem gewissen Ver-ständnis gelangen, sondern selbst bei den rohesten Naturvölkernpflegen neben den actuell gebliebenen Cultusgebräuchen andere alsunverstandene und ihrem religiösen Ursprung entfremdete Lebens-gewohnheiten fortzudauern. Dabei tritt uns aber stets noch einweiteres Moment entgegen, welches namentlich für die Erhaltungder Sitte wesentlich ist: während die ursprüngliche Bedeutung ver-blasst, schafft sich die zur Gewohnheit gewordene Handlung einenneuen Zweck, dessen sich zwar derjenige der sie ausübt nichtimmer deutlich bewusst wird, der aber trotzdem die Macht ist, dievon nun an die weiteren Veränderungen und unter Umständen denschliesslichen Verfall der Sitte bestimmt. Vom genetischen Gesichts-